Frühwerk der Beatgeneration

"Wenn die beiden beisammen sind, dann passiert etwas."
Im Sommer 1944 hat ein aufsehenerregender Mord in New York für Schlagzeilen gesorgt. Der 19-jährige Lucien Carr stach mit seinem Pfadfindermesser im Riverside Park, einem berüchtigten Homosexuellentreff, mehrmals auf den 14 Jahre älteren David Kammerer ein.

Als dieser das Bewusstsein verlor, geriet Carr in Panik und versenkte den ihm seit acht Jahren verfallenen Kammerer im Hudson River.

Roman als Doppelconference
Nach der Tat suchte er verwirrt die Hilfe seiner Freunde Jack Kerouac und William S. Burroughs. Die späteren Stars der Beatgeneration hatten zu diesem Zeitpunkt noch keine literarischen Erfolge zu verbuchen und trieben zwischen Alkohol, Drogen und sexuellen Abenteuern durch New Yorks Nachtleben.

Kerouac und Burroughs verarbeiteten diese wahre Geschichte in einem Manuskript zum Roman "Und die Nilpferde kochten in ihren Becken". Abwechselnd verfassten sie die Kapitel und erzählten die Ereignisse aus zwei Blickwinkeln.

Lebensgefühl im Mittelpunkt
Sie fiktionalisierten die Erlebnisse, auch wenn die handelnden Personen deutlich zu erkennen blieben. Im Zentrum steht weniger die Tat an sich, sondern viel eher das Lebensgefühl der Gruppe um die Begründer der Beatliteratur.

Der Barkeeper Will Dennison (Burroughs) und der Teilzeit-Matrose mit Hang zum Alkohol, Mike Ryko (Kerouac), schildern das Leben der ebenso heruntergekommenen wie aufstrebenden New Yorker Boheme.

Sexuelle Verwirrungen und Freizügigkeit
Sie verbringen ihre Tage und Nächte zwischen zwielichtigen Bars in New York und schmutzigen Absteigen ohne klare Bewohnerverhältnisse. Sie trinken wahllos Alkohol jeder Sorte, dröhnen sich mit Morphium zu und pflegen mit Hingabe ihr freigeistiges Leben ohne jede Verantwortung.

Die komplizierte Beziehung zwischen dem jungen Schönling Philipp Tourian - "Genau der Typ Junge, dem dichtende Schwuchteln Sonette widmen" - und dem alternden, heruntergekommenen Ramsay Allen ist zentrales Thema im Roman.

Tödliche Besessenheit und Hilflosigkeit
Das Paar findet sich in einem Strudel aus Besessenheit, Zurückweisung und Hilflosigkeit. Ohne auf Details einzugehen, beschreibt der Roman eine psychologische, sadomasochistische Täter-Opfer-Beziehung.

"Wenn die beiden beisammen sind, dann passiert etwas, und als Melange gehen sie allen nur auf den Geist."

Idee für Titel durch Zirkusbrand
Philipp will vor Allen fliehen und gemeinsam mit Ryko als Matrose auf einem Frachter nach Frankreich anheuern. In Europa tobt der Zweite Weltkrieg, doch das hält die beiden nicht ab, von einem aufregenden Künstlerleben im Pariser Quartier Latin zu träumen.

Der Titel "Und Nilpferde kochten in ihren Becken" bezieht sich auf eine Nachrichtenmeldung über einen Zirkusbrand, die die Protagonisten während einer ihrer Sauftouren zufällig aufschnappen.

Ironisches Zeitdokument
Sprachlich zeichnet sich der Roman durch seinen knappen Stil und beiläufige, meist schnörkellose Dialoge mit viel Ironie aus.

Subtil treiben Kerouac und Burroughs die Handlung unter der Oberfläche beiläufiger Situationsbeobachtungen voran und beenden ihren Roman schließlich mit dem Eklat: dem Mord am glücklos verliebten Allen.

Sie schildern die philosophischen Diskurse der mit Drogen illuminierten Existenzialisten, die sich vom Spießertum distanzieren wollen.

"Natürliche Grausamkeit der Jugend"
In einem ausführlichen Nachwort meldet sich Burroughs' Nachlassverwalter James W. Grauerholz zu Wort. Er rekapituliert die Entstehungsgeschichte und geht dabei näher auf die Zeitumstände und das Umfeld der Autoren ein.

Er bezeichnet den Roman als Schilderung "einer gescheiterten Mentorenschaft und die natürliche Grausamkeit der Jugend".

Sexuelle Freizügigkeit überholt
Das Werk wurde bereits 1945 fertiggestellt, blieb aber bis 2008 unter Verschluss: Carr wurde bereits zwei Jahre nach dem Mord wieder aus dem Gefängnis entlassen und wollte die Vergangenheit nicht wieder an die Öffentlich gezerrt wissen.

63 Jahre nach den Ereignissen, weder die Autoren noch Carr sind noch am Leben, erschien die englische Originalversion. Zwei Jahre später wurde nun die deutsche Übersetzung im Verlag Nagel und Kimche veröffentlicht.

Zum Zeitpunkt seines Entstehens hätte der Roman vermutlich wegen seiner sexuellen Freizügigkeit und der exzessiven Schilderung von Drogen- und Alkoholmissbrauch für Aufregung gesorgt. Heute reiht sich das Buch in die Beatliteratur der 50er Jahre ein und bereichert diese im Nachhinein, ohne daraus sonderlich hervorzustechen.

Sophia Felbermair, ORF.at

Buchhinweis
William S. Burroughs, Jack Kerouac: Und die Nilpferde kochten in ihren Becken. Nagel und Kimche, 190 Seiten, 18,40 Euro.

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