"Politischer Kampf" in Gang

Turbulenter Wahlkampf bestimmt Rennen um Amt des Bürgermeisters.
Die Bürgermeisterwahl in der Olympiastadt Sotschi am Sonntag hat das Zeug zu einem handfesten Wahlkrimi. "In Sotschi ist momentan ein echter politischer Kampf im Gange", räumte auch Russlands Präsident Dimitri Medwedew in einem Interview mit der "Nowaja Gaseta" ein.

"Gut ist auch, dass unterschiedliche politische Kräfte daran teilnehmen. Meines Erachtens leiden viele Kommunalwahlen an Eintönigkeit, die Menschen haben keine echte Auswahl, und es ist somit uninteressant für sie", sagte Medwedew.

Pornostar, Oligarchen und Ballerina
Eines ist die Wahl mit Sicherheit nicht: langweilig. Dafür sorgen die Kandidaten, die sich um das Amt des Stadtoberhauptes beworben haben. Darunter finden sich neben Oppositionspolitikern eine Ballerina, ein Oligarch und eine Ex-Pornodarstellerin.

Von den ursprünglich 22 Bewerbern ließ die Wahlaufsichtsbehörde letztlich aber nur sechs zum Urnengang zu - und reizte dabei das Wahlgesetz bis zum Letzten aus.

Olympiamilliarden locken Kandidaten an
Das rege Interesse der Kandidaten hat mehrere Gründe. Wegen der für 2014 an Sotschi vergebenen Olympischen Winterspiele sollen in den nächsten Jahren in dem Schwarzmeer-Kurort und seinem gebirgigen Hinterland Milliarden Rubel investiert werden.

Dem Bürgermeister kommt eine Schlüsselrolle bei der Verteilung der Ressourcen zu - und er fungiert als formeller Gastgeber der Athleten.

Zusätzlich machen formale Umstände das Amt attraktiv: Um es auf die Wahlliste zu schaffen, benötigen die Kandidaten in Sotschi keine Unterstützungserklärungen. Es reicht die Hinterlegung einer "Wahlkaution".

Wahlkaution wird zum Verhängnis
Was auf dem Papier einfach klingt, wurde so manchem Kanditaten aber zum Verhängnis. Die ehemalige Primaballerina des Bolschoi-Theaters, Anastasia Wolotschkowa, sei letztlich nicht zur Wahl zugelassen worden, weil ihr Geburtsdatum auf dem Zahlschein der Wahlkaution gefehlt habe, teilte die Wahlkommission mit.

Auch Jelena Berkowa, ehemaliger Pornostar und selbst ernannte Kandidatin der "Partei der Liebe", wurde die Kaution zum Verhängnis - ihr Name steht nicht auf der offiziellen Kandidatenliste. Ihr Emissär, der die umgerechnet 7.750 Euro Kaution hinterlegen sollte, war einfach verschwunden.

Ob vielleicht der Kreml dahintersteckt oder sich der Mann einfach mit der Summe aus dem Staub machte, ist nach Angaben von Berkowas Produzent nicht klar. Mit einem Pornostarlet, das internationale Delegationen und Athleten begrüßt, hätte Premier Wladimir Putin aber sicher wenig Freude gehabt.

Kreml-Kritiker ausgeschlossen
Auch den milliardenschweren Geschäftsmann Alexander Lebedew ereilte ein ähnliches Schicksal. Er sei Mitte April von der Kandidatenliste gestrichen worden, weil Anmeldeunterlagen gefehlt hätten, erklärte Lebedews Sprecher Artjom Artjomow, der das aber dementierte. Lebedew hatte sich in der Vergangenheit wiederholt kritisch über die Politik des Kreml geäußert.

Ein weiterer Regierungskritiker und prominenter Liberaler, der in Sotschi antreten will, zeigte sich solidarisch: Boris Nemzow sah im Ausschluss von Lebedew "den Versuch des Staates, einen Sieg eines Kandidaten der Partei von Ministerpräsident Putin sicherzustellen".

Auch für ihn folgten die Konsequenzen auf dem Fuß: Ein Lastwagen mit fast der ganzen Auflage an Wahlkampfbroschüren des Kreml-Kritikers wurde aufgehalten und die Ladung beschlagnahmt. Die Behörden begründeten die Aktion damit, dass geprüft werden müsse, ob Nemzow nicht mehr als die angemeldete Auflage habe drucken lassen. Von der Kandidatenliste wurde Nemzow - der Mitte März im Wahlkampf von Unbekannten sogar mit Ammoniak angegriffen wurde - aber nicht gestrichen.

Kreml-treuer Kandidat als Favorit
Neben Nemzow verblieben letztendlich fünf Bewerber im Rennen um den Bürgermeistersessel. Die besten Chancen werden Anatoli Pachomow eingeräumt.

Er führt derzeit die Amtsgeschäfte, nachdem Bürgermeister Viktor Kolodjaschni bereits im Frühjahr 2008 an die Spitze der Staatsholding Olympstroj gewechselt war, die die Olympiastätten errichtet. Pachomow weiß dabei zum einen die "administrativen Ressourcen" hinter sich und zum anderen die Kreml-Partei Einiges Russland, von der er aufgestellt wurde.

Medwedew: Wie "überall auf der Welt"
Auf den Verlauf der Bürgermeisterwahl in Sotschi angesprochen, meinte Präsident Medwedew: "Was konkrete Umstände anbelangt, so wird es bei Wahlen stets Kandidaten geben, die verlieren, und auch Kandidaten, die ausgeschlossen werden. So ist es überall auf der Welt."

Auch wenn die Austragung der Olympischen Winterspiele erst 2014 stattfindet, haben die Spiele in Sotschi schon jetzt begonnen. Spätestens am 26. April wird sich zeigen, wer dabei als Sieger hervorgeht.

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