OSZE-Sprecher Martin Nesirky sagte der Nachrichtenagentur dpa dazu am Sonntag: "Keiner der an die 56 OSZE-Länder übermittelten Berichte enthält Informationen des im 'Spiegel' erwähnten Inhalts."
"Fehlverhalten"
Der "Spiegel" berichtet in seiner neuesten Ausgabe, in den Berichten der OSZE-Beobachter in Georgien sei festgestellt worden, das "Fehlverhalten der georgischen Führung" habe zum Ausbruch der Kaukasus-Krise beigetragen.
In den Berichten der OSZE-Beobachter sei auch von möglichen georgischen Kriegsverbrechen die Rede. Die Experten hätten berichtet, dass die georgische Führung südossetische Zivilisten im Schlaf habe angreifen lassen.
Lediglich "Faktenberichte"
Zurzeit halten sich insgesamt 28 OSZE-Beobachter in der Region auf. 20 von ihnen wurden erst in den vergangenen Tagen in die Krisenregion entsandt.
Nach Angaben von OSZE-Sprecher Nesirky werden die von OSZE-Beobachtern aufgezeichneten Reports "über die diplomatischen Kanäle über Wien an alle Mitglieder der Organisation, einschließlich Russlands und Georgiens", weitergeleitet. Es handle sich dabei eher um faktische als um analytische Berichte.
"Zeit": Ungleichgewicht bei erstem Angriff
Die Wochenzeitung "Die Zeit" wiederum hatte berichtet, die georgischen Truppen seien gezielt und mit äußerster Brutalität gegen die russischen "Friedenstruppen" in Südossetien vorgegangen.
Die Stellungen der Russen seien mit Haubitzen, Raketenwerfern und Panzern beschossen worden. Im Gegensatz dazu hätten die russischen Soldaten nur über vergleichsweise leichtes Gerät verfügt. Mit ihren Schützenpanzern und Maschinengewehren seien sie wehrlos gewesen.
Fast drei Tage belagert
Wladimir Iwanow, der Adjutant des Kommandanten der russischen "Friedenstruppen" in Südossetien, zeigte einem Reporter der "Zeit" die ausgebrannten Gebäude seiner Kaserne. Er sei auf militärische Unterstützung der regulären russischen Armee angewiesen gewesen.
Allerdings habe er nicht einmal über eine ausreichende Funkverbindung verfügt, um die Luftstreitkräfte anfordern und dirigieren zu können. Erst nach fast drei Tagen und dem Verlust von 18 Mann sei sein Stützpunkt aus der Belagerung der Georgier befreit worden.
Russen von defekten Panzern aufgehalten
Das späte Eintreffen der russischen Truppen steht allerdings auf einem anderen Blatt. Es ist auf das veraltete Gerät der chronisch unterfinanzierten Armee zurückzuführen. Immer wieder hätten defekte Schützenpanzer die Kolonnen auf Serpentinenstraßen des Berglands aufgehalten, berichtet die "Zeit".
10.000 russische Soldaten im Einsatz
In der offiziellen Bilanz gehen solche Details unter. Nachdem georgische Truppen vor drei Wochen über Nacht nach Südossetien vorgerückt waren, brachte Russland in den darauffolgenden zwei Tagen mit 10.000 Soldaten, Hunderten Panzern und Kampfbombern weite Teile der abtrünnigen Region unter seine Kontrolle.
Die georgischen Einheiten zogen sich aus der südossetischen Hauptstadt Zchinwali in die umliegenden Berge zurück. Die russische Truppen drangen schließlich in georgisches Kernland vor, aus dem sie sich nur zögerlich zurückziehen.
Opferzahlen umstritten
Die Opferzahlen sind umstritten. Mehr als 2.000 Menschen seien bei den Angriffen der georgischen Armee ums Leben gekommen, sagte der russische Ministerpräsident Wladimir Putin am Samstag.
Georgiens Präsident Michail Saakaschwili hatte diese Zahl schon zuvor als "unverhohlene Lüge" zurückgewiesen. Nach georgischen Angaben wiederum kamen Hunderte Georgier durch den Einmarsch der russischen Truppen ums Leben.
"Viel zu hoch"
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) stellte die von Russland und Südossetien verbreiteten Totenzahlen infrage.
"Sie erscheinen mir zweifelhaft, viel zu hoch", sagte deren US-Vertreterin Anna Neistat dem russischen Radiosender Echo Moskwy nach Gesprächen mit Ärzten in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali.
Von unabhängiger Seite ist die tatsächliche Zahl der Toten bis heute nicht eruierbar.
Saakaschwilis Kalkül
Eines gilt jedoch als sicher: Saakaschwilis offensichtliches Kalkül, NATO, USA oder EU würden Russland davon abhalten können, einzumarschieren, ist nicht aufgegangen.
Das sei auch zu keinem Zeitpunkt realistisch gewesen, sagen Experten verschiedenster Provenienz. Dessen sind sich auch immer mehr Georgier bewusst. Selbst in seinem eigenen Land ist Saakaschwili vor Kritik nicht gefeit, wenngleich sie - noch - hinter vorgehaltener Hand geübt wird.
Georgiens Freunde
Auf dem internationalen Parkett hat sich Saakaschwili ebenfalls kaum neue Freunde gemacht. Zwar sprechen sich sämtliche Politiker des Westens - und auch Asiens - für die territoriale Integrität Georgiens aus. Für den Schlamassel eines drohenden "Kalten Krieges" dürfte Saakaschwili aber niemand dankbar sein.
Und am Samstag wurden auch schon neue Töne in Richtung Russland angeschlagen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow telefonierte mit seinem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier. Laut Angaben aus Moskau wurde dabei vereinbart, die Beziehungen nicht weiter belasten zu wollen. Berlin bestätigte das Gespräch und widersprach auch der Darstellung des Inhalts nicht.
Wenigstens bei den Vordenkern der US-Neokonservativen hat Saakaschwili nun eine treue Fangemeinde. Und der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain bezeichnet ihn als "guten Freund". Ihm könnten die Spannungen mit Russland bei der Wahl nützen.
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