Karadzic nicht wiederzuerkennen

Karadzic verfasste unter falschem Namen sogar Artikel für eine Fachzeitschrift.
Der am Montagabend verhaftete frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic hatte sich mit falschen Personaldokumenten getarnt. Er habe einen Personalausweis auf den Namen Dragan Dabic besessen, sagte der für die Zusammenarbeit mit dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zuständige serbische Minister Rasim Ljajic am Dienstag in Belgrad.

Er sei am Montagabend "in der Umgebung von Belgrad" verhaftet worden, berichtete der Staatsanwalt für Kriegsverbrechen, Vladimir Vukcevic. Die Darstellung von Karadzics Anwalt, er sei schon am Freitagabend festgenommen worden, entspreche nicht der Wahrheit. Die Spezialkräfte der Geheimdienste hätten zugegriffen, als sich Karadzic von einem Unterschlupf zu einem neuen Versteck begeben wollte, sagte Vukcevic ohne weitere Angaben.

Völlig anderes Aussehen
Auf einer ersten Fotografie von Karadzic, die Medienvertretern in Belgrad präsentiert wurde, ist einer der bekanntesten Haager Angeklagten kaum zu erkennen. Abgemagert, weißes Haar, langer weißer Bart und Brille hatten ihm nach Angaben von Staatsanwalt Vukcevic ermöglicht, sich in Belgrad völlig ungehindert zu bewegen.

©Bild: Reuters
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Niemand konnte im Arzt mit dem Namen Dragan Dabic, der in einer privaten Praxis tätig war, den mutmaßlichen Kriegsverbrecher erkennen. Wie lange sich Karadzic in der serbischen Hauptstadt aufhielt, wurde von offiziellen Stellen nicht bekanntgegeben.

Sogar Artikel veröffentlicht
Karadzic soll zudem jahrelang unter seinem falschen Namen Fachartikel in der populären Belgrader Zeitschrift "Gesundes Leben" ("Zdrav zivot") veröffentlicht haben.

Der Chefredakteur der Zeitschrift, Goran Kojic, zeigte sich unterdessen über die Erkenntnis geschockt, dass einer der Mitarbeiter seiner Zeitschrift der meistgesuchte mutmaßliche Kriegsverbrecher war, berichtete der TV-Sender B-92.

Karadzic soll auch Vorlesungen gehalten haben. Er habe mit Karadzic nie über Politik gesprochen, erklärte Kojic. Zudem sah Karadzic "sehr ungewöhnlich" aus. Sein langes weißes Haar trug er "sehr ungewöhnlich hoch am Kopf zum Zopf zusammengebunden". Auch sei er immer schwarz angezogen gewesen und habe "wie ein Boheme" ausgesehen, sagte Kojic.

Ärztekammer: Kein Arzt mit Namen Dabic
Der Gesundheitsminister Tomica Milosavljevic teilte unterdessen mit, dass es im Verzeichnis der serbischen Ärztekammer keinen Arzt mit dem Namen Dragan oder David Dabic, den Karadzic seit einiger Zeit auch in einer privaten Ordination in Belgrad verwendete, gebe.

Auf diesen Namen sei vom Ministerium keine Arbeitsgenehmigung ausgestellt worden. Eine Person unter diesem Namen befinde sich auch nicht im Register der staatlichen Sozialversicherung, stellte der Minister fest.

Bei Wohnsitzänderung geschnappt
Der ehemalige Präsident der Republika Srpska wurde am Montag in dem Augenblick festgenommen, als er seinen Wohnsitz ändern wollte, teilten die serbischen Behörden mit. Die Festnahme erfolgte in der Umgebung Belgrads.

Vukcevic und Minister Ljajic waren bei der Pressekonferenz Dienstag allerdings eher wortkarg. Sie begründeten das mit der weiterhin anhaltenden Fahndung nach dem einstigen Militärchef Karadzics, Ratko Mladic, sowie dem einstigen Chef der kroatischen Serben, Goran Hadzic.

Laut der Tageszeitung "Blic" soll die Festnahme am Montagabend gegen 21.00 Uhr im zentralen Stadtviertel Vracar erfolgt sein. Von Nachrichtendiensten sei sein Versteck vor gut einem Monat entdeckt worden, heißt es in Medien.

Zufällig entdeckt
Ljajic zufolge ist das Fahndungsteam unerwartet auf die Spur von Karadzic gekommen. Verfolgt worden seien nämlich Personen, die man für Helfer des bosnisch-serbischen Ex-Militärchefs Ratko Mladic gehalten habe, sagte der Minister.

Karadzic ist gemäß Minister Ljajic kein Staatsbürger Serbiens. Das bedeutet, dass seine Überstellung an das UNO-Tribunal kaum verzögert werden kann.

Kurz vor Besuch des UNO-Chefanklägers
Die Festnahme erfolgte nur wenige Stunden vor dem geplanten Besuch des UNO-Chefanklägers Serge Brammertz in Belgrad, von dem sich die serbischen Behörden eine positive Bewertung der Zusammenarbeit mit dem Haager Gericht erhoffen, die die Tür für die Umsetzung des im April unterzeichneten Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union öffnen würde. Sie wird nun wohl kaum ausfallen.

Neue Führung des Nachrichtendienstes
Der unerwartete Coup erfolgte zudem wenige Tage nach dem Führungswechsel beim serbischen Nachrichtendienst BIA (Sicherheits- und Informationsagentur), der für die Fahndung nach den flüchtigen Angeklagten verantwortlichsten ist und jahrelang als Haupthindernis bei der Zusammenarbeit mit dem Haager Gericht angesehen wurde.

Die überraschende Polizeiaktion warf sogleich die Vermutungen auf, dass einigen Polizeistrukturen der Aufenthaltsort des Haager Angeklagten seit längerer Zeit bekannt sein konnte. Übrigens war das auch die Behauptung, die in den vergangenen Jahren immer wieder auch von der früheren Chefanklägerin des UNO-Tribunals, Carla del Ponte, zu hören war.

Sie bezog sich damit eigentlich meist nur auf den ehemaligen Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic. Denn auch Del Ponte musste zugeben, dass ihr Informationen über den Aufenthaltsort Karadzic' seit Jahren fehlten.

Innenministerium nicht beteiligt
Ein Zufall konnte die Festnahme nicht sein, wohl aber eine seit längerer Zeit vorbereitete Aktion, die nur zwei Wochen nach der Amtseinführung der neuen pro-europäischen Regierung erfolgte. Für den neuen Innenminister Ivica Dacic stellte sie aber wohl einen Strich durch die Rechnung dar.

Denn der Chef der Sozialistischen Partei Serbiens (SPS), dessen Amtsvorgänger Slobodan Milosevic selbst vom UNO-Tribunal angeklagt worden war, distanzierte sich sogleich von der Aktion der Sicherheitskräfte. Das Innenministerium sei nicht an der Festnahme beteiligt gewesen, teilte Dacic mit.

Das bestätigte auch Vukcevic: Die Festnahme sei von Personen aus dem Fahndungsteam durchgeführt wurden, unterstrich Vukcevic, der auch Leiter des Teams ist, ohne weitere Angaben zu machen.

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