Nach Operation 84-jährig gestorben

Mailer galt als einer der innovativsten und vielseitigsten Schriftsteller Amerikas.
Der amerikanische Schriftsteller und Journalist Norman Mailer ist tot. Das teilte sein Agent am Samstag mit. Mailer verstarb im Alter von 84 Jahren in einem Krankenhaus an akutem Nierenversagen.

Der schon länger gesundheitlich angeschlagene Autor war Mitte Oktober mit Atemproblemen in eine Klinik gekommen. Die Ärzte entfernten Narbengewebe an der Lunge.

"Der große Alte"
Mailer gehörte zu den kontroversiellsten Schriftstellern Amerikas. Seinen Durchbruch hatte er vor fast 60 Jahre mit dem Kriegsroman "Die Nackten und die Toten" ("The Naked and the Dead").

Die "New York Times" nannte ihn zu seinem 80. Geburtstag den "großen Alten der amerikanischen Literatur". Mit zahlreichen privaten Skandalen galt der erbitterte Gegner von US-Präsident George W. Bush aber auch als Enfant terrible.

Freunde und Feinde
Seiner Empörung über den Irak-Krieg machte er erst kürzlich bei einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur wieder Luft: "Der schlimmste Krieg, den dieses Land je geführt hat." Bush nannte er einen "einmalig dummen Kriegsführer".

Dagegen sprang Mailer dem deutschen Literaturnobelpreisträger Günter Grass zur Seite, als dieser bei einem Besuch in New York im Sommer dieses Jahres zu seiner kurzen Mitgliedschaft als Jugendlicher in der Waffen-SS gefragt wurde: "Wenn ich in Günters Schuhen gesteckt hätte, (...) wäre ich ganz genauso bei der Waffen-SS gelandet."

Mit erstem Roman zu Weltruhm
Mailer wurde am 31. Jänner 1923 in Long Branch (US-Bundesstaat New Jersey) als Sohn jüdischer Einwanderer aus Litauen geboren und wuchs in Brooklyn auf. Er studierte am Harvard College Flugingenieurwesen und, nachdem er im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte, an der Sorbonne in Paris.

Seine Erlebnisse als Soldat an der Pazifikfront verarbeitete Mailer in die "Die Nackten und die Toten". Kritiker priesen den Debütroman überschwänglich als den größten Kriegsroman des 20. Jahrhunderts. Er wurde in fast alle Weltsprachen übersetzt und auch verfilmt.

Krieg, Gewalt und sexuelle Neurosen
In weiteren Werken beschäftigte er sich besonders gerne mit den düsteren Seiten des "American Dream" - Gewaltbereitschaft, sexuelle Neurosen, Politik und der Glaube sind seine Themenschwerpunkte.

Politisch links orientiert, entwickelte sich Mailer zu einem scharfen Kritiker der US-amerikanischen Gesellschaft.

Neue Maßstäbe
Die Schaffensliste Mailers ist lang. Sein Werk sprengt zudem oft konventionelle Gattungsgrenzen. Mailer schrieb rund 40 Bücher sowie Theaterstücke, Drehbücher und Gedichte und führte bei mehreren Kinofilmen Regie, in denen er auch als Darsteller agierte.

In den 1960er und 1970er Jahren setzte er mit einer neuen Form des Journalismus Maßstäbe - vor allem mit seinen Kolumnen, Reportagen und politischen Essays im "Esquire". Mailer war zudem Mitbegründer des New Yorker Magazins "Village Voice".

Zwei Pulitzerpreise
Die Verknüpfung aktueller Ereignisse mit autobiografischem Material und politischen Kommentaren in der Reportage "Heere aus der Nacht", die nach dem Protestmarsch von Friedensaktivisten auf das Pentagon im Oktober 1967 entstand, brachte ihm 1969 den ersten Pulitzerpreis.

Den zweiten erhielt er 1980 für seinen 1.000-Seiten-Roman "Gnadenlos - Das Lied vom Henker" über den Doppelmörder Garry Gilmore. Bis zuletzt wurde er immer wieder als möglicher Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.

2002 wurde Mailer in Wien mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse ausgezeichnet.

Die Psychologie des Bösen
Im deutschsprachigen Raum erschien zuletzt Mailers jüngstes, 19. Werk "Das Schloss im Wald" ("The Castle in the Forest"), in dem er die Wurzeln des Bösen in der Natur Adolf Hitlers zu ergründen versucht.

Ende April 2005 übergab Mailer sein privates Archiv von über 10.000 Briefen, bisher unveröffentlichten Erzählungen sowie weiteren Aufzeichnungen und Manuskripten an die University of Texas und erhielt dafür 2,5 Millionen Dollar.

Ruf als Provokateur
Immer wieder sorgte Mailer auch politisch für Furore. 1967 wurde er für seine Teilnahme an einer Demonstration gegen den Vietnam-Krieg verhaftet. 1969 kandidierte er bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei für das Bürgermeisteramt von New York. Außerdem legte er sich lautstark mit der Frauenbewegung an.

Dass Mailer in seinen Schriften die menschliche Existenz immer wieder auf Sex, Gewalt und Tod zurückführte, untermauerte seinen Ruf als Provokateur.

Schlagzeilen mit Privatexzessen
Dazu trug aber auch sein Privatleben bei. Drogen- und Alkoholkonsum brachten ihn wiederholt in die Schlagzeilen. "Das Trinken hat meine Gesundheit geschädigt, und ich bin durch höllische Phasen gegangen", bekannte er einmal.

Ehefrau niedergestochen
Schlagzeilenträchtig waren auch seine sechs Ehen. 1960 stach der schwer betrunkene Mailer während eines Streits seine zweite Frau nieder. Nur weil sie bei der Polizei nicht gegen ihn aussagen wollte, kam er mit einer Bewährungsstrafe davon.

Mailer hatte neun Kinder und lebte zuletzt mit dem ehemaligen Fotomodell Norris Church in Provincetown, Cape Cod.

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