Das Unglück vom Dienstagabend sehen viele als vorläufigen Höhepunkt einer schweren Krise. Sie hatte Ende September 2006 mit einem anderen schweren Flugzeugunfall begonnen. 155 Menschen waren damals gestorben.
Massive Kritik
Mit dem TAM-Airbus sei auch das letzte Stück Glaubwürdigkeit des brasilianischen Luftverkehrs explodiert, schrieb die Zeitung "Folha de Sao Paulo" am Mittwoch.
"Congonhas ist der am meisten überlastete Flughafen Brasiliens und seit Jahrzehnten nicht wirklich betriebsfähig. Regierung, Luftwaffe, Infraero, Airlines, alle wussten das, aber alle haben auf das Schlimmste gewartet. Nun ist es eingetreten."
Luftfahrtexperte Gianfranco Betting sagte gar, der staatliche Flughafenbetreiber Infraero habe sich des "Massenmordes" schuldig gemacht.
"Rutschig wie Seife"
Kritisiert wird unter anderem, dass die Landebahn in Congonhas nach 45-tägigen Ausbesserungsarbeiten ohne die "lebenswichtigen Rillen", die zum Wasserabfluss beitragen, freigegeben worden sei.
Der Fernsehsender TV Globo veröffentlichte Mitschnitte aus dem Cockpit mehrerer Jets, in denen einander Piloten über Funk vor den Wasserlacken auf der Landebahn von Congonhas warnten. "Die Piste ist so rutschig, als wäre Seife draufgeschmiert", sagte einer. In Sao Paulo regnet es seit drei Tagen, dennoch wurde die Landebahn nicht gesperrt.
Veraltetes Equipment
Radargeräte und Radiotürme seien veraltet, lautet eine weitere Kritik. Luftfahrtexperte Ivan Sant'Anna bezeichnete die Situation als "dramatisch". Ein neuer Flughafen müsse in Sao Paulo etwa 50 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt dringend gebaut werden.
"Der Luftverkehr wächst vier Mal so schnell wie die Wirtschaft, und die Regierung investiert kaum", klagte derweil der Präsident des Verbandes der Beschäftigten im Lufttransport, Uebio da Silva.
"Blinder Fleck" über dem Amazonas
Fluglotsen, die nach dem Unfall im September an den Pranger gestellt worden waren, gingen damals mit Arbeitsniederlegungen und Dienst nach Vorschrift in die Offensive. Sie erzählten haarsträubende Geschichten.
So versicherte Carlos Trifilio, Präsident der Fluglotsen-Gewerkschaft, es gebe unter den Kontrolleuren des Luftraums "Stotterer und Schwerhörige". Über dem Amazonas-Regenwald solle es außerdem ein riesiges "blindes Gebiet" geben, in dem Flugzeuge vom Boden aus überhaupt nicht kontrolliert werden könnten.
Zahl der Fluglotsen verringert
Während sich der Luftverkehr in Brasilien in den vergangenen 15 Jahren verdoppelte (die Zahl der Passagiere nahm allein 2005 um 15 Prozent auf 83 Millionen zu), wurde die Zahl der Fluglotsen im selben Zeitraum von 3.200 auf 2.600 verringert.
In der Mehrheit sind es Unteroffiziere der Luftwaffe, sie verdienen höchstens 3.200 Real (1.300 Euro) pro Monat. Ihre Ausbildung wurde zudem verkürzt, und nur jeder Zehnte spricht einigermaßen gut Englisch.
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