"Big Brother" YouTube

YouTube fördert alles zu Tage - je peinlicher, desto besser.
In der Zeit vor YouTube war klar: Videomaterial wird von Redakteuren ausgewählt und bearbeitet. Unbrauchbares Material fiel unter den Tisch, über unterhaltsame Hoppalas von Politikern lachten nur die Journalisten, an die Öffentlichkeit kam solches Material selten.

Nun patrouilliert allerdings die "YouTube-Polizei". Irgendwie gelangt dort alles in die Auslage, was peinlich ist - und je peinlicher, desto besser: etwa der Armbanduhr-Vorfall mit US-Präsident George W. Bush und nun ein Video mit Nicolas Sarkozy, dem französischen Staatspräsidenten, auf dem er betrunken wirkt.

Debatte über Sarkozy-Video
Aber war der selbst ernannte Vorkämpfer gegen einen allgemeinen Sittenverfall und strikte Anti-Alkoholiker auf dem G-8-Gipfel im deutschen Heiligendamm wirklich beschwipst? In Frankreich wird die Frage derzeit heftig diskutiert, wenn auch hinter vorgehaltener Hand.

Anlass ist ein Video von einer Pressekonferenz, die Sarkozy in Heiligendamm nach einem Treffen mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin gab.

"Sein Zustand war nicht normal"
Außer Atem, mit Schluckauf und einer ans Bizarre grenzenden Mimik trat Sarkozy eine halbe Stunde später als angekündigt vor die Kameras. "Ich bitte Sie um Verzeihung für die Verspätung, sie ist dem langen Gespräch mit Herrn Putin geschuldet", sagte er.

Dann wechselt sein Gesichtsausdruck mehrfach zwischen breitem Grinsen und angestrengter Konzentration, als habe er Schwierigkeiten, die Fragen zu verstehen. "Sein Zustand war ganz offensichtlich nicht normal, aber er trinkt doch nie", sagte einer seiner ständigen Medienbegleiter am Mittwoch erstaunt.

Die YouTube-Karriere des Videos
Zahlreiche Fernsehsender übertrugen die Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag live. Auch wenn mehrere Journalisten den Auftritt merkwürdig fanden, wurde er erst über Umwege zum Thema: Der belgische Sender RTBF strahlte den Beginn der Konferenz am Freitag mit dem einleitenden Kommentar aus, Sarkozy und Putin hätten "offenkundig nicht nur Wasser getrunken".

Videos der Sendung tauchten dann bei YouTube und anderen Internet-Plattformen auf. In wenigen Tagen wurden sie mehr als eine Million Mal angeklickt. Die Titel der Kurzfilme: "Sarkozy betrunken bei G-8" und "Vodka Sarkoff".

Schweigen im Elysee
Der Elysee-Palast lehnte eine Stellungnahme zu dem Video kategorisch ab. "Wir äußern uns aus Gewohnheit nicht zu schlechten Scherzen", sagte Sarkozy-Sprecher David Martinon der AP. Der belgische TV-Moderator Eric Boever sah sich zu einer Entschuldigung genötigt, die er der französischen Botschaft in Brüssel übermittelte.

Frankreichs Presse traut sich nur hintenherum
Einige Zeitungen in Paris trauten sich inzwischen, Links zu dem Video in ihren Online-Ausgaben zu veröffentlichen; mit äußerst umständlichen Rechtfertigungen. Zunächst habe man von einer Erwähnung des Videos abgesehen, "das nach Ansicht des belgischen Fernsehens einen betrunkenen Sarkozy zeigt", heißt es bei Liberation.fr.

Nach aufmerksamer Analyse könne man sagen, dass sich Sarkozy "nicht wohl fühlte, aber nicht offensichtlich betrunken war". Die Online-Ausgabe des Magazins "Nouvel Observateur" nahm am Mittwoch die Entschuldigung des belgischen Moderators als Vorwand, auf das Video hinzuweisen.

"Frankreich hat seinen Jelzin"
Über die Frage, ob sich Saubermann Sarkozy im Dienste der Völkerverständigung tatsächlich mit Putin einen Wodka genehmigte, geraten sich Internet-Blogger heftig in die Haare. "Frankreich hat endlich auch seinen Jelzin" schrieb ein Online-Kommentator. "Er hätte in dem Zustand nie vor die Kameras treten dürfen."

Ein anderer warf den französischen Medien Selbstzensur vor. Wäre Ähnliches Sarkozys sozialistischer Kontrahentin Segolene Royal passiert, "dann wäre sie demoliert worden". Ein Dritter beklagt eine hinterhältige Verunglimpfung Sarkozys, der nur an Magenproblemen gelitten habe und wegen seiner Migräne niemals einen Tropfen Alkohol anrühre.

Erschöpfung wäre eine Erklärung
Ein Glas hätte vermutlich ausgereicht, so ist man sich unter Sarkozy-Kennern sicher, um den Asketen ein wenig zum Schwanken zu bringen. Verdächtige Bilder gibt es aber nicht.

Und die Erschöpfung nach dem Gipfelmarathon kann ebenso gut für die fahrigen Gesten, die hängenden Schultern, das unangebracht wirkende Lächeln verantwortlich sein, zumal sich Sarkozy im Laufe der Pressekonferenz erfing und konzentriert alle Fragen beantwortete.

Bush-Video: YouTube klagt an und spricht frei
Ganz in Luft aufgelöst hat sich unterdessen eine für Albanien zunächst peinliche Geschichte. Auf YouTube war ein Video herumgereicht worden, auf dem Bush mit Uhr am Arm in der Menge badet - dann ist die Uhr plötzlich weg.

Sämtliche Vorurteile schienen bestätigt - Albanien als Land der Gauner abgestempelt. Das Weiße Haus und Albanien dementierten. Aber erst, als ein anderes Video auf YouTube auftauchte, auf dem deutlich zu sehen ist, dass Bush die Uhr einfach einsteckte, war die Story auch "offiziell" widerlegt.

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