Zwischen Hanteln und Partituren

Nach 14 Jahren wagte sich Tzimon Barto wieder ins Aufnahmestudio.
Er sei eine "bizarre Mischung aus Rancher, Literatur-Lover und Piano-Sensibelchen" schrieb jüngst "Die Welt": Der US-Konzertpianist Johnny Barto Smith, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Tzimon Barto, ist der vielleicht exzentrischste Star der Klassikszene.

Statt rund um die Uhr am Klavier zu üben, betreibt Barto lieber Bodybuilding, macht Farmarbeit, lernt Fremdsprachen und arbeitet an ungewöhnlichen Literaturprojekten. Jetzt hat er nach 14 Jahren ohne CD-Veröffentlichung zwei neue Alben herausgebracht und damit für Begeisterung bei den Kritikern gesorgt.

Von Karajan entdeckt
Dabei standen schon Mitte der 80er alle Vorzeichen auf eine große Karriere: Barto, der mit fünf Jahren den ersten Klavierunterricht erhielt und später an der renommierten Juilliard School in New York studierte, hatte gerade einige Nachwuchspreise eingeheimst und wurde von Herbert von Karajan für die Salzburger Festspiele entdeckt. Mit dem Musikkonzern EMI waren etliche Aufnahmen geplant.

Bodybuilding und Literatur
Doch dann starb Mentor Karajan - und die Klassikszene kam mit Bartos exzentrischen Hobbys nicht zurecht. Statt rund um die Uhr Klavier zu üben, stählte Barto seinen Körper und stellte seine Bodybuilder-Muskeln und Tätowierungen in Pin-up-artigen Promo-Fotos in die Auslage.

Außerdem begann er, an einem epischen Literaturprojekt zu arbeiten, das abgezählte 3.376 Gedichte und Prosasegmente umfasst, voraussichtlich 2026 fertig wird und das Barto dann auf Granitplatten eingravieren und in seinem Garten aufstellen will - mehr dazu in "Bartos skurrile Literaturprojekte".

"Will, dass alles perfekt ist"
"Ich will, dass alles perfekt ist - mein Spiel, mein Schreiben und eben auch mein Körper", sagte der Musiker in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk (BR). Die Leute glaubten, dass man als Bodybuilder automatisch blöd sei: "Dabei benötigt es eine gewisse Ebene von Intelligenz, um seinen Körper aufzubauen."

Außerdem gab es Gerüchte über eine Affäre Bartos mit seinem langjährigen musikalischen Wegbegleiter, dem Dirigenten Christoph Eschenbach.

EMI ließ Barto fallen, und er nahm 14 Jahre lang keine neue CD mehr auf. Ein geplantes Crossover-Projekt mit Paul McCartney soll laut einem Bericht der "Welt" angeblich gescheitert sein, weil Linda McCartney "kategorisch das Tragen von Ledersachen verbot".

In den Konzertsälen der Welt
Im Gespräch blieb Barto nur, weil er ständig auf Konzertreise zu sein schien: Er spielte landauf, landab, in Europa wie in den USA, in kleinen Städten und bei großen Events. In Wien trat er etwa 2006 beim Inaugurationskonzert im neuen Theater an der Wien auf.

Rameau und Ravel
Nach der negativen Erfahrung mit dem Musik-Major ließ sich Barto jetzt mit dem finnischen Speziallabel Ondine auf neue Aufnahmen ein.

Nach einem gefeierten Album mit Werken des fast vergessenen Barockkomponisten Jean-Philippe Rameau im Vorjahr erschien nun eine CD mit den Maurice-Ravel-Klavierwerken "Gaspard de la nuit", "Miroirs" und "Jeux d'eau".

"Scarbo", der dritte Satz von "Gaspard de la nuit", sei in Bartos Interpretation eine "schier abenteuerliche Fahrt durch die Geisterwelt der Pyrenäen", schreibt das Online-Magazin Klassik Heute, "eine radikale Neuinszenierung der viel gespielten, mittlerweile - wenigstens technisch - von zahllosen Jungpianisten bewältigten Klavierhürde."

Chamäleon mit Eigenheiten
Das Musikportal Tokafi schreibt: "Barto hat kein vorgefertigtes Rezept, und das unterscheidet ihn von der Masse. Unmengen von Pianisten versuchen, ihren eigenen 'Tonfall' und ihre 'Klangfarbe' zu finden. Er hingegen passt seine Intonation an die jeweilige Situation an."

Barto habe dennoch seine Eigenheiten: "Fliegende Crescendos, die Art, wie er sich lieber in den Klang- denn in denn harmoniebetonten Passagen aufhält, den Mut, mit dem er bestimmte Teile in fast unbegreifliche Längen zieht".

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