Unzumutbare Zustände und Wucherpreise

20.000 bis 40.000 Portugiesinnen lassen pro Jahr eine illegale Abtreibung vornehmen.
Über 20.000 Portugiesinnen lassen jährlich "unter unwürdigen Verhältnissen" einen illegalen Schwangerschaftsabbruch durchführen und müssen dafür mit einer Gefängnisstrafe rechnen.

Das sagt die Befürworterin einer Fristenlösung, Claudia Belchior, von der "Bürgerbewegung für das Ja". Die derzeitige Situation in Portugal sei "absolut inakzeptabel in einem europäischen Land im Jahre 2007", so Belchior.

Enormes Gesundheitsrisiko
Nach Schätzungen der portugiesischen Vereinigung für Familienplanung (APF) liegt die Dunkelziffer sogar noch höher. "Wir gehen jährlich von bis zu 40.000 illegalen Schwangerschaftsabbrüchen aus, die oftmals von Hebammen oder Krankenschwestern in Privatwohnungen durchgeführt werden, die nur selten den hygienischen Anforderungen einer chirurgischen Operation entsprechen. Das Gesundheitsrisiko für die Frauen ist enorm", sagt Duarte Vilar von der APF.

Vilar erhält dabei Unterstützung von ganz oben. "Die illegalen Schwangerschaftsabbrüche sind eine nationale Schande. Portugal muss seine Rückständigkeit zu den anderen europäischen Ländern wettmachen", empört sich auch Portugals sozialistischer Ministerpräsident Jose Socrates.

Viele Frauen treiben laut Vilar auch ohne ärztliche Kontrolle mit Medikamenten selber ab und landen anschließend mit Komplikationen in öffentlichen Krankenhäusern. Allein im vergangenen Jahr waren es 11.000 Frauen, die sich nachbehandeln lassen mussten und dabei eine Anzeige riskierten.

"Mafia" von Ärzten und Hebammen
Von recht unerwarteter Seite erhalten Gegner von Schwangerschaftsabbrüchen und gläubige Katholiken Unterstützung: Viele Ärzte, Krankenschwestern, Apotheker und Hebammen dürften am Sonntag gegen die Reform der restriktiven Gesetze stimmen.

Das prophezeien sogar portugiesische Ärztevereinigungen wie "Medicos pelo Escolha". Der Grund: "Viele portugiesische Ärzte sind gegen eine Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruches, weil ihnen damit ein Millionengeschäft verloren gehen würde", so Almerinda Bento von der Frauenvereinigung UMAR.

Sie spricht von einer regelrechten "Mafia" von Hunderten von Ärzten, Krankenschwestern und Hebammen, die sich an der derzeitigen Situation eine "goldene Nase" verdienten.

Millionen Euro Schwarzgeld
"Da 98 Prozent aller Schwangerschaftsabbrüche in Portugal illegal sind, knüpfen sie den Frauen bis zu 1.000 Euro für einen Abbruch ab, natürlich schwarz in die eigene Tasche", sagt Bento.

Umfragen mehrerer Frauenbewegungen haben ergeben, dass Frauen in der Regel zwischen 300 und 1.000 Euro für einen Schwangerschaftsabbruch hinlegen müssen.

"Wenn wir nur von 500 Euro durchschnittlich ausgehen und annehmen, dass nur 20.000 Frauen jährlich illegal abtreiben, obwohl die Zahl doppelt so hoch sein dürfte, kämen wir auf ein Geschäft, das jährlich über zehn Millionen Euro Schwarzgeld erwirtschaftet", bestätigt auch Claudia Belchior von der "Bürgerbewegung für das Ja".

"Flucht" ins benachbarte Spanien
Die Wucherpreise und die teilweise unzumutbaren Verhältnisse in den illegalen Kliniken treiben immer mehr Portugiesinnen zum Schwangerschaftsabbruch ins benachbarte Spanien.

"Rund 75 Prozent unsere Patientinnen kommen aus Portugal", so die Leiterin der spanischen Schwangerschaftsabbruchklinik in Badajoz, Yolanda Hernandez. Die Klinik ist nicht die einzige, welche von der strengeren Regelung im Nachbarland profitiert.

Kliniken aus Sevilla, Huelva, Merida, Salamanca, Madrid und Vigo werben sogar in mehreren portugiesischen Tageszeitungen für ihre Dienste. Bis zu 8.000 Portugiesinnen lassen sich jedes Jahr in spanischen Kliniken einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen.

Eine Frage der Gesetzesauslegung
Der Abtreibungstourismus nach Spanien überrascht, gelten in Spanien doch beinahe die gleichen restriktiven Gesetze wie in Portugal. "Die Auslegung ist hier strenger", sagt der portugiesische Gynäkologe Alberto Stolzenburg.

Schwangerschaftsabbrüche sind in beiden Ländern in den ersten zehn Wochen nur dann erlaubt, wenn die Frau vergewaltigt wurde, ihr Leben in Gefahr ist oder das Kind möglicherweise schwer behindert ist. Doch zu 95 Prozent seien die Schwangerschaftsabbrüche hier wie dort wirtschaftlich-sozial begründet, so Stolzenburg.

Spanien hat im Gegensatz zu Portugal seit 1985 eine Regel eingeführt, welche eine Gesetzeslücke schafft: Wenn die physische oder psychische Gesundheit der Mutter gefährdet ist und eine Beratung durchgeführt wird, darf in Spanien straffrei abgetrieben werden. Fast alle Kliniken haben deshalb einen Psychologen, der eine entsprechende Diagnose ausstellt.

Links: