"Mach's gut, mein Sohn!"

Über die Folgen von AIDS für Kinder in Afrika recherchierte Rudolf Nagiller, Sonderbeauftragter der UNICEF Austria. In ORF.at berichtet er über seine Erlebnisse.
"Mach's gut, und geh ja nicht weg vom Bananenacker, weil ihn sonst die Nachbarn in Besitz nehmen, und du hast ihn für immer verloren." Das schärfte der bereits schwerstkranke Vater seinem Sohn immer wieder ein - irgendwo auf dem Land in Uganda.

Schließlich unterlag der Mann dem HI-Virus, bald folgte ihm seine Frau in den Tod. Der Sohn gehorchte: Er hauste mit seiner Schwester weiter in der Lehmhütte, umgeben vom Acker, so groß wie zwei Fußballfelder. Der Bub war sieben, das Mädchen fünf.

Das erzählt mir Sheila von UNICEF Uganda, während wir durch den weit abgelegenen Kamwenge-Distrikt fahren. "Ich fragte den Siebenjährigen vor der Hütte, wo seine Eltern sind", erinnert sie sich.

"Die Eltern? Zwei Gräber..."
"Er sagte: 'Da drüben', und ich drehte mich um, weil ich glaubte, sie stünden hinter mir. Aber zu meiner Überraschung sah ich nur zwei Gräber: ein frisches und eines, das vielleicht ein paar Monate alt war. Ich war entsetzt, und natürlich erkundigte ich mich bei den Nachbarn, warum sie die Kinder nicht aufgenommen hatten. ‚Weil sie nicht bereit waren wegzugehen', entgegnete man mir."

"Der Bub begriff offenbar trotz seiner sieben Jahre sehr gut, was der Acker für ihn bedeutet. Das Mädchen würde irgendwann einmal wegheiraten, aber für ihn war der Boden die Lebensgrundlage. Ohne ein eigenes Feld ist der Mann hier ein Nobody", so Sheila.

Selbst UNICEF-Mitarbeiterin überrascht
Waisenhaushalte sind in Afrika, wo Millionen Mütter und Väter an Aids zugrunde gehen, nichts Besonderes. Mit Hilfe kleiner lokaler Unterstützervereine kümmert sich UNICEF um sie. Wir besuchen mehrere auf unserer Fahrt.

Meistens hat irgendein alter Verwandter die Oberaufsicht. Wenn nicht, dann ist ein Waise mindestens im jugendlichen Alter. Aber einen Kinderhaushalt mit einem Sieben- und einer Fünfjährigen ganz allein, das hatte auch Sheila noch nicht gesehen.

Ein Arzt für 300.000 Menschen
Der Kamwenge-Distrikt, durch den wir auf löchrigen Staubstrassen holpern, ist ungefähr so groß wie Vorarlberg, und er hat 300.000 Einwohner - "aber nur einen Arzt!" Ich glaube, mich verhört zu haben, und frage nach. "Yes, yes, only one doctor", wiederholt der Distriktsbeamte, der uns begleitet.

Dem wunderbar grünen Land mit den drei Meter hohen Bananenstauden, hinter denen sich kleine Lehmhütten verstecken, ist das menschliche Drama nicht anzusehen: Mehr als jeder zehnte Erwachsene hat hier den Virus.

Jedes zehnte Kind ein Waise
Viele sterben im besten Elternalter und machen ihre Kinder zu Waisen: 15.000 sind es im Kamwenge-Distrikt, jedes zehnte Kind. Eine menschliche Tragödie und eine wirtschaftliche Last für die ohnehin arme Gesellschaft.

Ein Waisenhelferzentrum in Kiyombya: Mehrere Erwachsene sowie dutzende Kinder und Jugendliche - alle Halb- oder Vollwaisen - wollen uns zeigen, wie sie ihr Leben meistern. Geschlafen wird bei Verwandten oder Bekannten im Umkreis von mehreren Kilometern.

"Lebenskunde" gegen das Virus
Die Kleinen sind während des ganzen Tages hier im Zentrum, einem lang gestreckten Lehmhaus, umgeben von dichtem Grün. Nach der Schule kommen dann auch die Jugendlichen, und die Erwachsenen vom Waisenhelferverein bringen ihnen nach dem Essen Praktisches bei: Schweine und Ziegen halten, Bananen und Maniokwurzeln anbauen, Lehmziegel formen und brennen, Möbel tischlern, Kleider nähen. Und natürlich so etwas wie Lebenskunde gegen das Virus: Abstinenz, Treue, Kondome ...

Anleitung zur Eigenverantwortung
Es ist eines von zwanzig Waisenzentren, die in diesem Distrikt von UNICEF unterstützt werden. "Was kostet das?", frage ich Douglas von UNICEF Uganda. "Wir wollen diese Zentren nicht auf Dauer durchfinanzieren", erklärt mir Douglas.

©Bild: Rudolf Nagiller
©Bild: Rudolf Nagiller
"Vielmehr wollen wir ihnen helfen, damit sie auf ihre eigenen Beine kommen. Wir finanzieren die Startausstattung wie Saatgut, Jungtiere, Werkzeuge, Nähmaschinen, Zubehör und wir trainieren die älteren Jugendlichen und die erwachsenen Helfer. Das kostet für so ein kleines Zentrum im ersten Jahr 2.000 Euro, im zweiten etwas weniger, und dann brauchen sie uns nur noch gelegentlich, und wir können anderen helfen."

Der Rohstoff Banane
Die Jugendlichen zeigen, wie geschickt sie sind. Ich frage und erfahre: Für ein Bananenbündel mit fünfzig oder mehr Früchten erlösen sie einen Euro.

©Bild: Rudolf Nagiller
©Bild: Rudolf Nagiller
Aber sie verkaufen nicht nur die Früchte. Aus anderen Teilen der Bananenstaude erzeugen sie alles Mögliche: Schnüre, Material zum Dachdecken und sogar Seife. Und voll Stolz zeigt mir die Vereinsobfrau einen Acker, auf dem sie kniehohe Büschel anbauen, die ich nicht kenne.

"Amischia", verstehe ich phonetisch. Daraus werden Medikamente gegen Malaria gemacht: drei Ernten im Jahr, zusammen 200 Euro.

Übertragung auf Babys verhindern
Ein paar Fahrstunden weiter: die Ntara-Klinik. Klinik? Es gibt hier keinen Arzt, nur eine Hebamme und ein paar angelernte Helfer. Viele Medikamente finanziert UNICEF, vor allem jene, die verhindern können, dass das HI-Virus von der Mutter auf das Baby übertragen wird.

©Bild: Rudolf Nagiller
©Bild: Rudolf Nagiller
Höchste Vorsicht muss während der Geburt walten, Medikamente müssen davor und Monate danach Mutter und Kind verabreicht werden, besondere Vorschriften gelten für das Stillen. Erst nach ein bis zwei Jahren wird klar, ob das Baby Glück hatte. Meistens klappt es, aber nicht immer. Nur: Viele Frauen werden gar nicht erreicht.

"Beim Impfen gegen Polio, Diphtherie, Masern oder TBC tun wir uns leichter", erzählt mir die Hebamme, "da müssen die Leute nur einmal kommen. Und es gibt kein Stigma wie bei AIDS. Aber wir geben nicht auf."

"Eigentlich sind die Menschen glücklich"
"Afrika hat Riesenprobleme", wende ich mich an Douglas, "aber diese Fahrt vermittelt mir nicht das Bild, das oft in Europa gezeichnet wird: Afrika, eine einzige Trauerwüste?"

©Bild: Rudolf Nagiller
©Bild: Rudolf Nagiller
"Oh, no, no, no", widerspricht er, "das sind wir nicht. Gerade wir in Uganda haben ein herrliches und fruchtbares Land, Sonne und Regen, die Menschen sind eigentlich glücklich. Wir sind nur arm, und wir haben zwei große Feinde: den Untergrundkrieg im Norden mit vielen unschuldigen Opfern, gerade auch Kinder, und AIDS, weil diese Krankheit unser Zusammenleben zerrüttet und so viele Kinder zu Waisen macht."

HIV und Krieg
Der Krieg im Norden ist kaum zu durchschauen. Doch es gibt seit einiger Zeit Verhandlungen, also Hoffnung, ein Wort, das Douglas oft wiederholt. Der Kamwenge-Distrikt, durch den wir fahren, liegt im Südwesten.

Der Krieg spielt hier keine Rolle. Andererseits ist HIV/AIDS hier mit elf Prozent stärker verbreitet als im ugandischen Durchschnitt: Dieser liegt bei sieben Prozent.

Uganda als Vorzeigeland
Sieben Prozent sind schlimm genug. Dennoch ist Uganda mit diesen Werten in Afrika ein Vorzeigeland, eines der wenigen nämlich, dem es in den letzten Jahren gelungen ist, den Prozentsatz zu drücken und das Stigma abzuschwächen, weil sich die Politiker dem Problem schon sehr früh gestellt haben.

Mir wird auf dieser Fahrt aber auch klar: Für die betroffenen Menschen, vor allem die Kinder und die Waisen, sind diese Statistiken nicht wichtig: Sie brauchen Hilfe.

Rudolf Nagiller, Sonderbeauftragter der UNICEF Austria für HIV/AIDS

Radiohinweis
Eine weitere Reportage von Rudolf Nagiller sendet Ö1 am Donnerstag um 18.25 Uhr - mehr dazu in oe1.ORF.at.

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