Ich würde versuchen, bessere Reime zu machen. Und sie müssten natürlich auch im deutschsprachigen Ausland verstanden werden.
Zwei Jahre nach Ihnen hat mit Orhan Pamuk ein Schriftsteller den Nobelpreis bekommen, für den die Frage Europa zu einer Schicksalsfrage seines Schreibens geworden ist. Kann das, was zurzeit vielerorts unter dem flapsigen Begriff "Kampf der Kulturen" verhandelt wird, auch in Ihrem Werk eine Rolle spielen? Also, dass sich Jelinek wie Pamuk mit der Kopftuchdebatte oder dem Gezerre um religiöse Symbole auseinander setzt?
Das ist ein sehr heikler Punkt, den man nicht so locker vom Hocker abhandeln kann. Ich denke, ich würde mich mit Pamuk, von dem ich leider kaum etwas gelesen habe, was ich nachholen werde, sehr gut verstehen. Allerdings habe ich mir beim Karikaturenstreit, als die Zeichner bedroht wurden und untertauchen mussten, sofort gedacht: Diese Karikaturen müssten jetzt überall in allen Zeitungen gezeigt werden. Es muss auch Islamisten klar werden, dass ein Unterschied zwischen symbolischer und realer Gewalt besteht. Das ist eine Grundvoraussetzung der Zivilisation.
Wie ist Österreich in den letzten sechs Jahren mit seiner Vergangenheit umgegangen?
Besser als zu Zeiten, als ich jung war. Da der Journalismus in Bezug auf Österreichs Mittäterschaft damals komplett versagt hat, haben das meine KollegInnen und ich übernehmen müssen. Inzwischen gibt es einen Journalismus, der sich viel präziser damit auseinander setzt. Also können wir KünstlerInnen uns andren Themen zuwenden. Das war uns ja zu einem großen Teil aufgezwungen, dieses Abarbeiten an der Vergangenheit. Und dafür sind wir auch ausgiebig beschimpft worden. Es wurde sogar gesagt, wir SchriftstellerInnen - zumindest einige von uns - wären an den Zuständen seit Mitte der achtziger Jahre, also am Heraufkommen dieser extrem populistischen, aggressiven Rechten, direkt schuld. Ja, wir hätten diese Zustände, durch Schilderung Österreichs als eine sinistre Abart von Nazi-Vorhölle, sogar persönlich heraufbeschworen! Was nun wirklich lächerlich ist. Da musste nichts heraufbeschworen werden, das war immer schon da.
Beruht unser Kunstverständnis in hohem Maße auf Werken, die nie unsere eigenen waren? Wie sehr hat sich Österreich anderer Kulturen bedient, um sich daraus seinen eigenen Geschichtsmythos zu bauen und sich just gegen diese anderen Kulturen abzugrenzen?
Österreich ist eine totale Mischung aus allen Kulturen, auch wenn viele das nicht zugeben wollen. Sogar unser relativ friedfertiger und vernünftiger Umgang mit andren Religionen ist eine Folge des Vielvölkerstaats, den wir ja noch im Bewusstsein haben. Ich spreche natürlich nicht von der widerwärtigen Rechten, die immer zündeln wird, überall. Abgrenzung ist immer dumm, denn sie bedeutet Verarmung.
Was empfinden Sie, wenn Sie allerorten Artikel und Würdigungen zum 60. Geburtstag lesen?
Es kommt mir sehr seltsam vor, als ob es sich um einen ganz andren Menschen handeln würde.
Link: