"Alles abklopfen, wie in einer Untersuchung"

"Ich glaube, dass meine Arbeiten sehr typisch österreichisch sind. Diese Sprachkritik ist eine österreichische Errungenschaft."
Als Natascha Kampusch, jahrelang von der Außenwelt abgeschirmt, erstmals im Fernsehen sprach, empfanden Sie was?

Sie spricht ein geschriebenes, ein literarisches Deutsch, denn ihre Erzieher waren Bücher, Zeitungen und Ö1, soviel ich weiß. Das waren ihre Lebensretter. Sie muss aber eine außerordentliche sprachliche Begabung haben, und sie war nicht abgelenkt, sie hat das alles aufgesaugt, um am Leben zu bleiben. Eine bewundernswerte junge Frau, wirklich.

Sie haben sich über die Verleihung des Nobelpreises auch mit dem Hinweis gewundert, Ihr Werk würde sprachlich schon nicht mehr in Deutschland verstanden. Wie stark ist ihr Werk an Österreich und dessen Sprachverwendung gebunden?

Ich glaube, dass meine Arbeiten sehr typisch österreichisch sind. Diese Sprachkritik ist eine österreichische Errungenschaft, dieses Misstrauen gegen das Gesprochene und Geschriebene, dieser Wunsch, alles sofort nach allen Seiten hin abzuklopfen wie in einer ärztlichen Untersuchung. Vom frühen Wittgenstein über Karl Kraus und den Wiener Kreis zur Wiener Gruppe. Das hat alles ja hier stattgefunden, und das meiste wurde von den Nazis unterbrochen oder vertrieben oder umgebracht. Da die Wiener Gruppe Avantgardetechniken wieder aufgenommen hat, die der Krieg zerbrochen hatte, konnten wir NachkriegsautorInnen darauf aufbauen. Und das war schon immer eine sehr sprachkritische Literatur, im Gegensatz zur bundesdeutschen. Dazu kommt, glaube ich, noch dieses autoritäre katholische ständische österreichische System, noch eine Ahnung von strengster Zensur und Illiberalität. Metternich - der arme Schubert! Alle mussten sie ihre Sachen im Vormärz verschlüsseln!

Hören Sie Musik nebenbei oder ist Musik strikt dem Selbstmusizieren vorbehalten?

Ich höre sehr wenig Musik, sie macht mich nervös. Selbst musiziere ich auch nicht mehr.

Schwankt der Lese-/Schreibanteil in ihrem Zeitbudget oder zwingen Sie sich zu einer disziplinierten Routine?

Ich halte überhaupt eine strenge Tagesroutine ein. Da ich psychisch sehr instabil bin, brauche ich so ein Gerüst, das mich hält.

Hat Sie der Nobelpreis freier gemacht?

Finanziell natürlich schon. Aber als Person unfreier. Ich wollte nie "bekannt" sein. Jetzt bin ich es.

Sie haben sich intensive mit den großen Werken der Moderne auseinander gesetzt, haben Thomas Pynchon übersetzt. Wie ist es um den Roman der Moderne, also einen Roman, der gerade sprachlich permanent Fragen von Wirklichkeitskonstitution thematisiert, heute bestellt? Kommen wir wieder in eine Phase, wo die Leser lieber von einem allwissenden Erzähler geführt werden?

Das kann ich nicht beantworten, ich lese sehr wenig zeitgenössische Literatur, zumindest keine deutschsprachige oder kaum einmal. Die US-Amerikaner interessieren mich da sehr viel mehr. In den USA ist diese Entropie, die Pynchons großes Thema ist, schon sehr viel weiter fortgeschritten. Auch die Paranoia, dass alles miteinander verknüpft ist - was man ja noch ertragen könnte. Oder gar nichts miteinander verknüpft ist - was man nicht ertragen würde, denn man würde ins Bodenlose stürzen. Eine so genannte erzählende Literatur, wie sie in Deutschland immer wieder gefordert wird vom Feuilleton, würde mich nicht interessieren.

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