"Wir stecken einander unter der Haut"

Elfriede Jelinek über ihren täglichen Umgang mit Medien. Und den Einfluss von McLuhan.
Wie muss man sich dieser Tage Ihren Medienkonsum/-gebrauch vorstellen? Sehen Sie heute mehr oder weniger fern als früher? Wie hoch ist der DVD-Anteil an der Fernsehzeit?

Ich schaue mir Nachrichtensendungen an. Ansonsten nur DVDs. Mich interessieren am meisten alte Spielfilme, in Schwarz-Weiß, und auf diese Weise habe ich eine nette private Videothek.

Wie viel Zeit verbringen Sie durchschnittlich im Web?

Wenig. Morgens und manchmal nachmittags schaue ich, was es Neues gibt, und lese auch die Blogs dazu, weil es mich interessiert, was die Leute von dem halten, was grade passiert.

Sie haben im Gegensatz zu vielen Schriftstellerkollegen eine gut gepflegte, aktuelle Website? Ist die Site ein Relais zur Welt, zur Öffentlichkeit? Eine Möglichkeit auch, seinem Wort Gewicht zu geben, ohne dabei die eigene Persönlichkeit in den öffentlichen Raum bringen zu müssen?

Ich werde möglicherweise nur noch auf meiner Homepage veröffentlichen. Vielleicht als Nächstes eine Gespenstergeschichte in Fortsetzungen. Es ist ein großes Glücksgefühl, schreiben zu können, ohne dass jeder Hand an einen legen kann. Es kostet nichts, das herunterzuladen, aber es ist dem Feuilleton entzogen. Grass hat gesagt, wer das Feuilleton nicht erträgt, sollte nicht schreiben, ich habe aus dieser Unerträglichkeit diesen Ausweg gefunden. Ich kann schreiben, was ich will, ich kann es auch zur Diskussion stellen, aber ich kann dem Zugriff des Feuilletons entrinnen. Wie eine Unsichtbare, die Spuren hinterlässt, aber nicht greifbar ist.

Sie waren eine der ersten Schriftstellerinnen, die sich zur Verwendung des Computers in ihrem Schreiben auch öffentlich bekannt haben. Sind viele ihrer schreibenden Kolleginnen und Kollegen technophob?

Inzwischen längst nicht mehr. Ich glaube, die meisten meiner KollegInnen schreiben mit dem Computer. Viele schreiben mit der Hand, was ich gut verstehen kann. Nur ich kann es nicht. Musiker haben eine sehr schwere Hand, ich breche jeden Stift sofort ab, außerdem strengt es zu sehr an, während Tippen eine völlig organische Bewegung für mich ist.

Auf die Frage, welcher Teil unseres Körpers durch avancierte elektronische Medien "forciert" werde, antwortete McLuhan: Unser Nervensystem werde jetzt von innen nach außen gestülpt, wir würden sozusagen unser Nervenkostüm zunehmend ungeschützt auf der Haut tragen. Er fügte hinzu, Künstler "als die in die Zukunft vorgeschobenen Antennen der Menschheit" seien davon besonders schmerzhaft betroffen, sie antizipierten gewissermaßen die Eskalation des Elektronischen und dessen Effekte. Fühlen Sie sich von diesem Satz persönlich betroffen? Könnte er Ihre notorische Empfindlichkeit auf Außeneinflüsse erklären?

Ja, uns hat McLuhan damals alle sehr beeinflusst. Ich habe einen Essay geschrieben, "Wir stecken einander unter der Haut", das trifft es so ungefähr. Meine Empfindlichkeit gegen Außeneinflüsse kommt aber sicher von andren Dingen.

Link: