Neues Licht auf Judas

Das "Judas-Evangelium" ist in Washington präsentiert worden.

  Ändert ein 13-seitiges Schriftstück in koptischer Sprache die Geschichtsschreibung? Das "Evangelium des Judas" aus dem 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus, das der US-Fernsehsender National Geographic Channel am Donnerstag präsentiert hat, soll beweisen, dass Judas Ischariot nicht der Verräter Jesu Christi war, sondern im Gegenteil sein treuester Apostel.

Per Zufall entdeckt

Das "Judas-Evangelium", eine 13-seitige Papyrusschrift, war über Jahrhunderte verschollen, wurde per Zufall in den 70ern in Ägypten entdeckt und gelangte über Umwege zur Schweizer Maecenas-Stiftung.

Seither wurde das Dokument akribisch wissenschaftlich untersucht, jetzt ist es restauriert und erstmals übersetzt worden. Der Text sei nach Einschätzung von Experten für das frühe Christentum die aufregendste Entdeckung seit Jahrzehnten, teilte der Sender mit.

Judas als treuester Apostel

Dem Manuskript zufolge bat Jesus seinen Jünger Judas, ihn an die Römer auszuliefern, um Gottes Willen zu erfüllen. Im "Judas-Evangelium" wird der im Neuen Testament beschriebene Verrat zur Ruhmestat: Judas ist der Einzige, der die Botschaft Jesu versteht.

Er wird von Jesus in alle Geheimnisse eingeweiht und von ihm beauftragt, seinem Meister einen letzten Dienst zu erweisen. Die mit der Übersetzung beauftragten Wissenschaftler interpretieren diese Aussage so, dass Judas Jesus zwar den Tod brachte, ihm damit aber einen letzten Gefallen erwies.

Falsch übersetzt?

Nach Auffassung des niederländischen Kirchengeschichtlers Hans van Oort wird sich das Bild Judas' als Jesus-Verräter durch die neuen Erkenntnisse verändern. Der Text sei authentisch, sagte Oort, Professor an der Radboud-Universität in Nimwegen, der niederländischen Zeitung "Trouw".

Auch das in der Bibel gebrauchte griechische Wort für "aushändigen" oder "übergeben" werde nur in Verbindung mit Judas immer mit "verraten" übersetzt. "Wenn man das 'Judas-Evangelium' liest, versteht man, dass dies nicht mehr aufrechtzuerhalten ist", sagte Oort.

Gott und Mensch

Doch nicht alle Wissenschaftler teilen diese Meinung. Für den deutschen Bibelforscher und Vatikan-Berater Thomas Söding ist das "Judas-Evangelium" nicht sensationell, nur interessant.

Seiner Meinung nach wirft es nicht auf die Jesus-Geschichte neues Licht, sondern auf eine theologische Debatte in den Jahrhunderten danach.

Nach christlichem Verständnis war Jesus "wahrer Mensch und wahrer Gott" zugleich. Die Gnostiker, eine religiöse Strömung, hätten diese Vorstellung nicht akzeptieren können. Für sie sei Jesus auch auf Erden Gott gewesen, nur in eine menschliche Hülle gekleidet.

"Kontrovers diskutiertes Jesus-Bild"

Die Gnostiker sprachen daher von einer Schein-Kreuzigung Jesu, bei der sich der göttliche Jesus seiner menschlichen Hülle entledigt habe. "Es geht also um das damalige kontrovers diskutierte Jesus-Bild", so Söding.

In dem "Judas-Evangelium" werde daher der biblisch überlieferte Verrat des Judas, Jesus für 30 Silberlinge an die römischen Soldaten auszuliefern, positiv umgedeutet. Jesus habe Judas in seine göttliche Mission eingeweiht und dieser ihm mit dem Verrat einen letzten Gefallen getan.

Keine "authentischen" Worte Jesu

"Diese gnostische Sichtweise ist nicht neu, sie ist aber bislang nirgends so zugespitzt gefunden worden wie in dem 'Judas-Evangelium'", sagte Söding. Er betonte, dass das Dokument keine Worte Jesu enthalte, die als authentisch betrachtet werden könnten.

Dokumentation im TV

Der Öffentlichkeit wurde das "Judas-Evangelium" erstmals am Donnerstag in Washington präsentiert.

Der TV-Sender National Geographic Channel, im deutschsprachigen Raum über Kabel empfangbar, bewarb damit eine zweistündige TV-Dokumentation über das Dokument. Sie wird am Sonntagabend in 163 Ländern und in 27 Sprachen ausgestrahlt.

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