Liechtenstein bis Jericho: Neue Details im BAWAG-Prozess

Ein von den hohen Verlusten schockierter Vize-BAWAG-Generaldirektor Stephan Koren, ein vorsichtig bilanzierender Casinos-Austria-Finanzvorstand Stefan Leutgeb und die von der BAWAG enttäuschte liechtensteinische Treuhänderin Yvonne Nägele sind gestern im BAWAG-Prozess als Zeugen befragt worden.

Am 59. Verhandlungstag verkündete Richterin Claudia Bandion-Ortner außerdem, dass der von ihr zuletzt angepeilte Urteilstermin 8. Februar nicht zu halten sei. Nächste Woche sind nun gleich fünf Verhandlungstage vorgesehen, damit im Prozess "vielleicht nach den Energieferien" Urteile gefällt werden können.

Treuhänderin "enttäuscht"
Treuhänderin Nägele von der liechtensteinischen Gesellschaft TTA saß im Stiftungsrat jener Stiftungen, die von der BAWAG zur Verschleierung der Verluste des Spekulanten Wolfgang Flöttl im Oktober 1998 eingerichtet worden waren.

Bei ihrer Aussage zeigte sie sich "sehr enttäuscht", dass die TTA von der BAWAG nicht über die wahren Hintergründe der Stiftungen informiert worden sei. Die Stiftungen seien im Oktober 1998 sehr schnell eingerichtet worden, die Zahlungen von der BAWAG schon am nächsten Tag geflossen. Laut Staatsanwalt Georg Krakow wurden von den 500 Mio. Euro an neuen BAWAG-Geldern für Flöttl etwa die Hälfte, also 250 Mio. Euro, über die eilig eingerichteten Stiftungen an Flöttl übermittelt.

Schlagabtausch mit Elsner
Wer die raschen Überweisungen an Flöttl veranlasste und genehmigte, darüber entspann sich zwischen den Angeklagten heute ein heftiges Hickhack. Ex-BAWAG-Chef Helmut Elsner betonte, die große Eile habe sich ergeben, weil Flöttl mit frischem Geld zum Handeln ausgestattet werden sollte, um keinen Verdacht auf mögliche Verluste durch seine Yen-Spekulationen aufkommen zu lassen.

Ex-BAWAG-Aufsichtsratspräsident Günter Weninger widersprach Elsner, er habe jedenfalls dem neuen Geld nicht telefonisch zugestimmt. Koren sagte aus, er habe erst 2005, nachdem er erst seit 1. Oktober 2005 im BAWAG-Vorstand saß, von den 1995 wieder aufgenommenen Sondergeschäften der BAWAG mit Flöttl erfahren. "Wir waren geschockt", meinte Koren.

Keine Erklärung für Jericho-Abschreibung
Details über die Verwicklung des Casinos Jericho in die BAWAG-Affäre wurden heute vor Gericht bekannt. Die BAWAG habe ihre Anteile an eine Holding auf Zypern verkauft, erklärte Koren.

Während die BAWAG ihren Casino-Anteil im Jahresabschluss 2001 von fünf auf 120 Mio. Euro enorm aufwertete, wurde im selben Jahr bei den Casinos Austria der Jericho-Anteil auf null abgeschrieben. Leutgeb erklärte, die Casinos Austria würden immer eine "vorsichtige" Bilanzierungsstrategie verfolgen.

Der angeklagte frühere BAWAG-Wirtschaftsprüfer Robert Reiter meinte, Banken würden oft Kredite unterschiedlich abschreiben. Koren erklärte, er könne sich die Aufwertung im Jahr 2001 nicht erklären. Die BAWAG nutzte offenbar die Aufwertung, um im Gegenzug Forderungen im Zusammenhang mit den Flöttl-Verlusten in die Bilanz zu nehmen und abzuschreiben.