Terror als neues Betätigungsfeld

Die "Gottessoldaten" kontrollieren den Drogenhandel zwischen dem Iran, Pakistan und Afghanistan.
Mit zwei Selbstmordanschlägen mit Dutzenden Toten vor einer schiitischen Moschee in der iranischen Provinz Sistan und Belutschistan hat die sunnitische Rebellengruppe Dschundallah ein blutiges Lebenszeichen nach Teheran gesandt.

Erst vor einem Monat hatte die iranische Führung in der Drogenhochburg im Südosten des Landes hart durchgegriffen und den Anführer der selbst ernannten "Gottessoldaten", Abdulmalik Rigi, verhaftet und hingerichtet. Als Antwort droht nun eine wahre Terrorwelle über die Region hereinzubrechen.

Bombenanschlag auf religiöse Feier
"Konsequentes Durchgreifen gegen Drogenbarone hat nun einmal einen Preis, den man bezahlen muss", sagte ein Kenner der Provinz gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Ziel der Attentäter war die große schiitische Moschee in Sahedan, der Hauptstadt der Provinz, wo sich zur Feier des Geburtstags des Imams Hussein, eines Enkels des Propheten Mohammed, besonders viele Menschen versammelt hatten.

Nach ersten Erkenntnissen zündete ein als Frau verkleideter Selbstmordattentäter seinen Sprengstoffgürtel an einem Kontrollpunkt der iranischen Revolutionsgarden. Der erste Sprengsatz verursachte nach Angaben der Behörden kaum Schäden, doch als zahlreiche Menschen zu der Unglücksstelle eilten, explodierte die zweite Bombe. Mindestens 28 Menschen kamen sofort ums Leben, über 160 wurden verletzt.

Bekenner-E-Mail von Rigis Angehörigen
In einer E-Mail an den Fernsehsender al-Arabija erklärte die Dschundallah, sie habe mit der Tat die Hinrichtung ihres Anführers rächen wollen. Die Bombenanschläge seien von Angehörigen Rigis verübt worden und hätten den Revolutionsgarden gegolten.

"Letzte Hemmungen verloren"
Iran-Experten sehen in dem jüngsten Attentat auf die Moschee eine durchaus alarmierende Entwicklung. Der Selbstmordanschlag zeige, dass die Gruppe auch ohne ihren Führer in der Lage sei, Terrorakte zu verüben, sagte ein Analyst gegenüber Reuters. Bisher sei man davon ausgegangen, dass allein Rigi die früheren Anschläge geplant habe.

Durch die Hinrichtung des Anführers habe sich die Situation noch einmal verschärft. "Sie sind sehr verbittert", erklärte Oppositionsaktivist Mehrdad Chonsari. Nach Rigis Tod habe die Gruppe "die letzten Hemmungen verloren, um zu zeigen, dass sie überleben können".

Auch für den Dschundallah-Experten Henry Wilkinson war das Attentat "fast unvermeidbar". "Allen Anzeichen nach sind die 'Gottessoldaten' eine sehr kleine Gruppe, aber eine, die sich zu einer wirklichen Bedrohung entwickelt."

Westliche Geheimdienste beschuldigt
Die "Gottessoldaten" sorgten in den vergangenen zwei Jahren international immer wieder für Aufsehen - nicht so sehr wegen ihrer lokalen Überfälle, sondern weil Teheran immer wieder westliche und israelische Geheimdienste als Drahtzieher hinter der Gruppe ortete.

Diese Version wurde von den USA und Großbritannien stets scharf zurückgewiesen. Vor allem der Vorwurf, auch Israel stehe hinter den Anschlägen, wird schon allein dadurch unwahrscheinlich, dass Dschundallah enge Kontakte zum Terrornetzwerk Al-Kaida nachgesagt werden.

Grenzüberschreitende Kontakte
Ihren eigentlichen Einfluss bekamen die Dschundallah-Rebellen aber durch ihre guten Beziehungen im florierenden Drogenhandel im "goldenen Dreieck" zwischen dem Iran, Pakistan und Afghanistan. Laut Experten konnte die Gruppe dank der Kontakte nicht nur zu Al-Kaida, sondern auch zu verschiedenen Drogennetzwerken und zum pakistanischen Geheimdienst ihre Macht kontinuierlich aufbauen.

Anschläge als Überlebensfrage
In den vergangenen Jahren habe sich aber das Betätigungsfeld der Gruppe geändert, und sie habe verstärkt Gewalttaten in ihr Programm aufgenommen, analysierte Wilkinson. Als Grund für die wachsende Zahl an Selbstmordanschlägen sieht Wilkinson eine ganz pragmatische Entscheidung.

"Wie andere Terrorgruppen muss sich auch Dschundallah immer wieder neu erfinden, um überlebensfähig, beachtet und wichtig zu bleiben", erklärte der Experte. Dazu gehöre auch, fundamentalistische Ideale zu übernehmen.

"Sie werden überleben"
Der jüngste Anschlag zeige auch, dass die Annahmen der iranischen Regierung, die Gruppe würde mit der Person Rigi stehen und fallen, nicht richtig sei, sagte Sajjan Gohel vom Thinktank Asia Pacific Foundation. Er ist überzeugt, dass die Gruppe weiter bestehen und vor allem unter der armen Bevölkerung der Region regen Zulauf bekommen wird. "Ich glaube, sie werden überleben."

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