"Ich bin ziemlich zuversichtlich"

Jeder zweite Franzose würde Kerviel sein Vermögen anvertrauen.
Zweieinhalb Jahre nach Bekanntwerden des größten französischen Bankenskandals muss sich der ehemalige Händler Jerome Kerviel vor Gericht verantworten. Der ehemalige Angestellte der französischen Großbank Societe Generale soll für einen der größten Spekulationsverluste aller Zeiten verantwortlich sein.

Das Institut schrieb infolge der Geschäfte Kerviels die Summe von 4,9 Milliarden Euro ab. Die Societe Generale will nichts vom illegalen Treiben ihres Mitarbeiters gewusst haben und spricht von kriminellen Vertuschungsmanövern.

Spekulationsrahmen weit überschritten
Der Derivatehändler hatte bei der Societe Generale vor allem auf die Entwicklung von Aktienindizes spekuliert, den für seine Position zulässigen Rahmen aber weit überschritten. Nach einem Milliardengewinn im Jahr 2007 verließ ihn sein Glück und er verlor.

Mit immer höheren Einsätzen versuchte er, die Verluste wettzumachen. Als die Affäre aufflog, hatte Kerviel offene Positionen von rund 50 Milliarden Euro angesammelt. Die Bank wickelte die Geschäfte mehrere Tage lang mit hohen Verlusten ab.

Vorgesetzte sollen Bescheid gewusst haben
Dafür könne man ihm nicht die Schuld in die Schuhe schieben, sagt Kerviel. Verantwortlich sei die Bank, die seine offenen Positionen zu Schleuderpreisen verramscht habe. "Alle Geschäfte, die Kerviel gemacht hat, waren auf den Monitoren der Vorgesetzten sichtbar", argumentiert sein Anwalt Olivier Metzner.

"Wir haben das alle gemacht, wir waren darauf trainiert, wir wurden dafür bezahlt", sagt Kerviel.

Verantwortung soll "abgewälzt" werden
"Wie immer bei einer Krise soll die Verantwortung auf einen Menschen abgewälzt werden und nicht auf das System", sagte Metzner der Nachrichtenagentur AFP unmittelbar vor Auftakt des Verfahrens. "Den Fall Kerviel würde es gar nicht geben, wenn das System, die Bank, die Societe Generale ihre Rolle erfüllt hätten."

Am ersten Tag des Prozesses herrschte ein gewaltiger Medienrummel vor dem Gerichtsgebäude, mehr als 90 Medien hatten sich akkreditiert. "Ich bin ziemlich zuversichtlich", sagte Kerviel knapp, bevor er den Gerichtssaal betrat.

"Kein verantwortungsloser Minderjähriger"
Die Anklage macht dagegen geltend, dass Kerviel "kein Kind, kein verantwortungsloser Minderjähriger und kein kranker Erwachsener" sei. Der ehemalige Händler müsse für seine Taten einstehen, forderte der Anwalt der Societe Generale, Jean Veil.

"Societe Generale ist Opfer eines außergewöhnlichen Betrugs mit bislang ungeahnten Folgen. Der Betrug hat die Bank samt ihren 160 000 Mitarbeiten sowie allen Kunden und Aktionären in Gefahr gebracht", hieß es in einer am Dienstag verbreiteten Erklärung.

Metzner kündigte gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ", Dienstag-Ausgabe) an, er werde auf Freispruch plädieren. Er will Dokumente vorlegen, die die Mitwisserschaft der Bank beweisen.

"Das ist gut, du bist eine gute Nutte"
Die Bank soll die hochriskanten Geschäfte gebilligt haben, solange sie dicke Gewinne machte. Kerviel und seine Kollegen seien für die Vorgesetzten so etwas wie "Prostituierte" gewesen, behauptet Kerviel. Abends habe sein Chef den "Zählerstand" abgefragt, erzählt Kerviel. Wenn er viel verdient habe, sei ihm gesagt worden: "Das ist gut, du bist eine gute Nutte."

Der Fall riss das Finanzinstitut in eine tiefe Krise und kostete Topmanager wie Konzernchef Daniel Bouton den Job. Nie zuvor hatte ein einzelner Händler einen solchen Schaden angerichtet - nicht nur der Betrag schmerzte, sondern das Image einer ganzen Branche geriet in Verruf.

Bank will Schadenersatz
Die französische Großbank will ihren ehemaligen Börsenhändler laut "SZ" auf Schadenersatz in zweistelliger Milliardenhöhe klagen. Veil sagte dem Blatt: "Ich werde die Wiedergutmachung des Schadens einfordern, den die Bank erlitten hat. Dabei handelt es sich einerseits um den finanziellen Schaden in Höhe von 4,9 Milliarden Euro, andererseits um den sehr schweren Imageschaden, den die Bank gerade beziffert."

Unterstützung vieler Franzosen
Kerviel hat den Rückhalt der französischen Bevölkerung. Im Internet wurden sogar Unterstützerforen gegründet. Und in einer Umfrage kam heraus, dass jeder zweite Befragte ihm sein Vermögen anvertrauen würde.

Kein Vergleich also zum Amerikaner Bernard Madoff: Dieser war im Juni 2009 wegen des größten Betrugs in der Finanzgeschichte zu 150 Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte Tausende Anleger mit einem Schneeballsystem erleichtert, das Volumen des Betrugs liegt bei etwa 60 Milliarden Dollar.

Höchststrafe fünf Jahre Haft
Der Prozess gegen Kerviel soll bis zum 25. Juni dauern. Ihm drohen wegen der Affäre höchstens fünf Jahre Gefängnis - ihm werden Untreue, Dokumentenfälschung und die Manipulation von Computerdaten vorgeworfen.

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