Deutsche Abgeordnete: "Wie im Krieg"

Israel: Wir haben uns nur selbst verteidigt.
Nach ihrer Freilassung aus israelischer Gefangenschaft haben Aktivisten des Schiffskonvois, der Hilfsmittel in den Gazastreifen bringen wollte, schwere Vorwürfe gegen die israelische Armee erhoben.

Bundestagsabgeordnete der Linkspartei sprachen nach ihrer Rückkehr nach Deutschland von einem "barbarischen Akt". Die Abgeordnete Inge Höger sagte: "Wir haben uns wie im Krieg und gekidnappt gefühlt." Aktivisten aus anderen europäischen Ländern erzählten nach ihrer Rückkehr, die Soldaten, die die Schiffe enterten, hätten Passagiere geschlagen und Elektroschocker eingesetzt.

Mehr als 600 weiter in Haft
Mehrere Aktivisten, darunter der schwedische Autor Henning Mankell, wurden am Dienstag freigelassen und in ihre Heimat ausgeflogen. Doch mehr als 600 der Teilnehmer an der umstrittenen Solidaritätsaktion, die in der blutigen israelischen Kommandoaktion eskalierte und neun Menschenleben und Dutzende Verletzte forderte, sind weiter in israelischer Haft.

Und Israel verweigert bisher auch den Zugang zu den Verhafteten. Die meisten der Todesopfer befanden sich auf dem unter türkischer Flagge segelnden Schiff "Mavi Marmara". Die Angaben über die Ereignisse an Bord des Schiffes in der Nacht auf Montag sind höchst widersprüchlich.

Mehr als neun Tote?
Während Israel von Notwehr der Soldaten spricht, nachdem diese zuvor von Passagieren schwer tätlich angegriffen worden seien, wird das vonseiten der Aktivisten vehement bestritten.

Die türkische Aktivistin Nilufer Cetin, die sich während der Auseinandersetzungen mit ihrem einjährigen Baby in dem Badezimmer ihrer Kabine versteckte, widersprach den israelischen Angaben von neun Toten. Sie glaube, elf Menschen seien getötet worden, sagte Cetin gegenüber Journalisten. Auch die beiden deutschen Abgeordneten, die an Bord waren, vermuten Ähnliches.

"Alles, was man sich vorstellen kann"
Der griechische Aktivist Dimitri Gielalis, der sich an Bord der "Sfendoni" befand, sagte: "Sie kamen herauf und benützten Plastikgeschoße, es gab Schläge, Elektroschocks, alles, was man sich nur vorstellen kann."

Der Schiffskapitän sei von den Soldaten angegriffen und verletzt worden, nachdem er sich geweigert habe, das Steuerruder zu verlassen. Ein Kameramann, der die Szene filmte, sei mit einem Gewehrkolben im Auge getroffen worden.

Gefangene "schwer geschlagen"
"Während der Befragung wurden viele der Aktivisten vor unseren Augen schwer geschlagen", sagte der Aktivist Aris Papadokostopoulos.

Israel: Kein Grund für Entschuldigung
Israel sieht trotz der schweren Vorwürfe und der heftigen internationalen Kritik keinerlei Grund für eine Entschuldigung. "Wir müssen uns nicht dafür entschuldigen, dass wir uns selbst verteidigt haben", sagte Vizeaußenminister Danni Ajalon nach Angaben seines Büros in Jerusalem.

Ajalon bezeichnete die sechs Schiffe der "Gaza-Solidaritätsflotte" als eine "Armada des Hasses und der Gewalt". Sie sei nur ein Beispiel für die "ständigen Provokationen, denen Israel ausgesetzt" sei.

Der stellvertretende Außenminister fällte auch ein vernichtendes Urteil über die rund 700 pro-palästinensischen Aktivisten an Bord der Schiffe. "Bitte sagen Sie mir: Welche Friedensaktivisten haben lange Messer und Schlagstöcke aus Metall dabei und versuchen, andere umzubringen?", sagte er.

Fehler eingeräumt
Andererseits räumte die israelische Armee erstmals Fehler ein. "Es ist klar, dass die Ausrüstung zum Auseinandertreiben der Menge mangelhaft war", sagte der Chef der Streitkräfte, Gabi Aschkenasi, am Dienstag zu Journalisten in Jerusalem. An dem Vorfall beteiligte leitende Marinesoldaten deuteten ein Versagen der Nachrichtendienste an.

Bei der Planung des Einsatzes sei ein solcher Widerstand der Aktivisten nicht erwartet worden, sagte ein ungenannter Leutnant dem Armeeradio. Das Ergebnis habe nicht den Erwartungen entsprochen. Das sei jedoch hauptsächlich am Verhalten der Aktivisten gelegen. Nach israelischer Darstellung wurden die Soldaten beim Entern der Schiffe angegriffen, was mehrere Aktivisten allerdings bestritten.

Weitere Eskalation droht
Unterdessen werden in den kommenden Tagen zwei weitere "Solidaritätsschiffe" vor dem Gazastreifen erwartet. Trotz der blutigen Eskalation kündigte Israel am Dienstag an, auch diese Schiffe notfalls zu stoppen.

Mehreren Aktivisten droht Prozess
Israel kündigte unterdessen an, all jene Aktivisten vor Gericht zu stellen, die unter dem Verdacht stehen, an der Gewalt beteiligt gewesen zu sein.

Zugleich transportiert einen Teil der Tausenden Tonnen Schiffsladung der Hilfsflotte auf dem Landweg in den Gazastreifen. Nach Angaben der Organisatoren der Hilfslieferung umfasst die Ladung rund 10.000 Tonnen - vor allem Medikamente und medizinisches Gerät, Lebensmittel, Fertighausteile und Kinderspielzeug.

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