Angriff "inakzeptabel"

Mankell soll auf dem gestürmten Schiff "Marmara" gewesen sein.
Die gewaltsame Stürmung der "Solidaritätsflotte" für den Gazastreifen hat international für Bestürzung und scharfe Kritik gesorgt. Die Türkei warf Israel vor, sich nicht um Menschenleben zu kümmern. Die EU forderte eine genaue Untersuchung der Vorgänge. Darüber, wie viele Menschenleben die Militäraktion in den internationalen Gewässern vor der Küste Israels gekostet hat, gehen die Berichte auseinander.

Bisher bestätigte die israelische Armee den Tod von neun Aktivisten, der höchste israelische Armeesprecher Awi Benajahu hatte zuvor noch von zehn Toten gesprochen. Außerdem seien sieben israelische Soldaten verletzt worden. Einer von ihnen schwebe weiterhin in Lebensgefahr. Medien berichteten hingegen von 16 Toten und mindestens 26 Verletzten, eine türkische NGO, die sich an der Hilfsflotte beteiligte, von mindestens 15 Toten.

Türkei: "Schaden nicht wiedergutzumachen"
Die schärfste Kritik kam aus der Türkei. Das Außenministerium bezeichnete den Schaden für die Beziehungen der beiden Staaten als "nicht wiedergutzumachen".

"Israel hat auf unschuldige Zivilisten gezielt", hieß es in der Erklärung, über die türkische Medien berichteten. "Sie haben einmal mehr gezeigt, dass sie sich um Menschenleben und friedliche Initiativen nicht kümmern." Ankara hat aus Protest den türkischen Botschafter aus Israel abberufen. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan warf Israel Staatsterrorismus vor. "Das internationale Recht wurde mit Füßen getreten."

Warnung vor Eskalation
Die spanische EU-Ratspräsidentschaft bezeichnete den israelischen Angriff als "äußerst schwerwiegend" und "inakzeptabel" und verlangte genauere Untersuchungen.

Der libanesische Ministerpräsident Saad Hariri und der syrische Präsident Baschar al-Assad warnten am Montag sogar vor einer Eskalation, die zu einem Krieg in der Region führen könnte.

Wer hat wen angegriffen?
Was genau Montagfrüh bei der Erstürmung des Schiffes durch ein Spezialkommando vorgefallen ist, darüber gehen die Angaben auseinander. Nach Darstellung der israelischen Armee waren gewaltbereite Aktivisten für den blutigen Zwischenfall verantwortlich. Die Organisation Free Gaza bestritt hingegen, dass Aktivisten auf Soldaten geschossen oder die blutige Gewalt ausgelöst hätten.

Mit Gewalt auf Erstürmung reagiert
Der israelischen Verteidigungsminister Ehud Barak machte die Organisatoren der Gaza-Hilfsaktion für den blutigen Zwischenfall verantwortlich. Nur auf einem der Schiffe, der türkischen "Marmara", hätten Aktivisten mit Gewalt auf die Erstürmung durch die Soldaten reagiert, sagte der Verteidigungsminister. "Angesichts der Gefahr waren die Soldaten gezwungen, Mittel zur Auflösung von Demonstrationen einzusetzen, darunter auch scharfe Munition", sagte Barak.

Armee: Wollten uns "lynchen"
Bei der Stürmung seien die Soldaten von den Aktivisten mit "schwerer Gewalt" empfangen worden. Sie hätten versucht, die Truppen zu "lynchen", erklärte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, General Awi Benajahu. "Das sind sehr aggressive Leute, keine Friedensaktivisten", so der Militärsprecher.

Schüsse bei Betreten des Hilfsschiffes
Die Organisatoren von Free Gaza verwiesen auf Videoaufnahmen von Bord der "Marmara". Daraus gehe hervor, dass Soldaten in dem Moment begonnen hätten zu schießen, als sie an Bord kamen.

"Sie haben Menschen angeschossen"
Ein Besatzungsmitglied des griechischen Schiffes "Eleftheri Mesogeios", das zur Flotte gehört, schilderte im griechischen Fernsehsender Skai die Aktion aus seiner Sicht: "Die (Israelis) haben fast alle Leute weggeschleppt. Ich und der Kapitän und noch einer sind noch hier. Sie haben mit Gummikugeln geschossen. Sie haben Menschen angeschossen. Sie haben Leute geschlagen."

Kein Kontakt zu Mankell
Unter den Aktivisten befand sich auch der schwedische Erfolgsautor Henning Mankell. Laut seinem Verlag gibt es bisher keinen Kontakt zu ihm. Wie der Paul Zsolnay Verlag in München mitteilte, fallen die Lesungen am Montag in Zürich und am Dienstag in Konstanz aus. Auch die zwei deutschen Bundestagsabgeordneten Annette Groth und Inge Höger (beide Die Linke) sollen auf einem Schiff der Hilfsflotte gewesen sein.

Nächster Konflikt programmiert
Die nächste Konfrontation droht bereits im Hafen von Aschdod, wohin die Armee die sechs aufgebrachten Schiffe geschleppt hat, das größte Schiff, die "Marmara", traf mit Verspätung ein. Sollten die Aktivisten aus 40 Ländern nämlich nicht freiwillig einer Abschiebung zustimmen, werden sie inhaftiert. Botschaften und Konsulate dürften noch Tage im Einsatz sein.

An einem israelischen Checkpoint nahe Jerusalem kam es am Montag zu Zusammenstößen. Eine US-Bürgerin dürfte dabei von einer Tränengasgranate schwer im Gesicht verletzt worden sein.

Sorge um Friedensprozess
Israel droht aber auch ein längeres Nachspiel. Griechenland brach gemeinsame Manöver mit Israel ab. Und auch der gerade mühsam in Gang gesetzte Nahost-Friedensprozess könnte leiden. Barak rief die "Führer der arabischen Staaten auf, nicht zuzulassen, dass sich der Vorfall negativ auf die Friedensverhandlungen" zwischen Israel und den Palästinensern auswirkt.

Links: