Regionale Konflikte als Vorteil

Anführer Kony wird seit Jahren gejagt. LRA nutzt politische Konflikte und entlegene Rückzugsgebiete.
Seit 23 Jahren ist in Ost- bzw. Zentralafrika eine extrem brutale Rebellengruppe aktiv: die Lord's Resistance Army (Widerstandsarmee des Herrn, LRA) unter ihrem Anführer Joseph Kony.

Ursprünglich operierte die Gruppe vom Norden Ugandas aus gegen die Regierung von Präsident Yoweri Museveni. Ziel der LRA ist die Errichtung eines Gottesstaats auf Basis der Bibel und der Zehn Gebote.

Durchlässige Grenzen
Heute terrorisiert die Gruppe große Teile der Grenzregion zwischen Uganda, dem Sudan, der Zentralafrikanischen Republik und der Demokratischen Republik Kongo. Auf ihr Konto gehen Tausende Entführungen, Vergewaltigungen, Plünderungen und Morde. Alle Versuche, die LRA auszuschalten, misslangen bisher mehr oder weniger.

Wieso "unbesiegbar"?
Mit den Ursachen dafür setzte sich zuletzt das US-Magazin "Foreign Policy" in einem ausführlichen Artikel auseinander. Immerhin besteht Konys LRA Schätzungen zufolge aus nur wenigen hundert ständig bewaffneten Kämpfern und einigen hundert zwangsrekrutierten Kindersoldaten. Dazu kommt, dass die marodierende Truppe kaum über moderne Waffen verfügt und so gut wie keinen Rückhalt in der Bevölkerung hat. Wie konnte sie dennoch über 20 Jahr lang quasi unbesiegbar bleiben?

"Finstere Allianzen", schwache Verfolger
Die Gründe dafür sind vielschichtig: "Foreign Policy" beschrieb das Geheimnis hinter dem "Erfolg" der Gotteskrieger als eine "zufällige Kombination aus finsteren internationalen Allianzen", der Schwäche ihrer Feinde und schließlich taktischen Vorteilen, die bisher stärker gewesen seien als jede Großoffensive gegen die LRA.

In den 90er Jaren habe die LRA immer wieder "von einem hässlichen Feind-meines-Feindes-Spiel" zwischen dem Sudan und Uganda profitiert: Nachdem im Sudan die Sudan People's Liberation Army (Sudanesische Volksbefreiungsarmee, SPLA) gegen die muslimisch dominierte Zentralregierung in Khartum aktiv geworden war, bekam sie Unterstützung aus Uganda und den USA. Der Sudan unterstützte im Gegenzug die LRA mit Waffenlieferungen.

"Fähigkeiten, die keine Armee hat"
Später änderte Khartum seinen Kurs und erlaubte dem Nachbarn Uganda sogar, die Rebellen auf seinem Territorium zu bekämpfen. Dennoch, so das US-Magazin, sei das nur halbherzig geschehen. Noch heute gibt es immer wieder Gerüchte, dass sich Kony im Sudan versteckt hält - mit Wissen des dortigen Militärs.

Im Jahr 2005 wurde die Gruppe aus dem Sudan vertrieben und verlegte ihre Stützpunkte hauptsächlich in den Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Dort, in der schwer zugänglichen Region, machen sich die Kämpfer ihre Taktik zum Vorteil. "Sie haben Fähigkeiten entwickelt, die keine Armee auf der Welt hat", zitierte "Foreign Policy" den ugandischen Journalisten Frank Nyakairu.

Die Kämpfer bewegten sich nahezu unsichtbar durch unwegsames Terrain, operierten fast ausschließlich nachts und seien den meisten regulären Truppen in der Region in dieser Hinsicht weit überlegen.

Brutale Taktik "perfektioniert"
Außerdem habe die LRA einen wesentlichen Teil ihrer Taktik, die Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten und ihre brutale Kampftaktik, perfektioniert, so das US-Magazin. "Wenige bis keine Rebellengruppen" hätten "derart lange Kinder entführt, einer Gehirnwäsche unterzogen und ausgebildet" wie Konys LRA.

Wegen der Kinder unter Waffen würden regionale Militärs etwa auch vor Luftangriffen auf Rebellenverstecke zurückschrecken, sagte der ugandische Parlamentsabgeordnete Reagan Okumu dem Magazin: "Sie wissen, dass ihre Kinder unschuldig sind."

Wo ist Kony?
Unter anderem deshalb sei in den letzten Jahren auf die Strategie gesetzt worden, den etwa 50-jährigen Kony festzunehmen oder zu töten - in der Hoffnung, die Gruppe würde ohne ihren als extrem charismatisch beschriebenen Anführer zerfallen. Kony, der aus Norduganda stammt, sieht sich selbst als Propheten und behauptet, seine Befehle vom Heiligen Geist zu erhalten. Doch auch Versuche, ihn aufzuspüren, schlugen bisher fehl - wiederum aus mehreren Gründen.

Korrupte Kommandeure
Einerseits, so "Foreign Policy", liege das an der Schwäche der ugandischen Armee, in der von rund 55.000 Soldaten 20.000 nur auf dem Papier existierten. Korrupte Kommandeure teilten sich Geld und Material auf und profitierten derart vom jahrelangen Kampf gegen die LRA, während die Soldaten unterbezahlt und schlecht ausgerüstet seien. Die Rebellen profitierten im Gegenzug von dieser Schwäche.

Furchtbare Massaker
Die letzte, von den USA und der UNO unterstützte Großoffensive gegen die Rebellen, die Ende 2009 nach gescheiterten Friedensverhandlungen gestartet wurde, schlug ebenfalls fehl. Kony entkam trotz Ortung seines Satellitentelefons durch US-Soldaten. Ugandische Truppen, die versprengte LRA-Kämpfer hätten aufspüren sollen, seien 72 Stunden zu spät ins Einsatzgebiet gekommen, nachdem sie den Anmarschweg durch den Dschungel unterschätzt hätten.

Kony und seine Männer hatten sich bereits abgesetzt.Im Dezember 2009 töteten die Rebellen laut einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) im Nordosten des Kongo aus Rache über 320 Menschen. Die UNO bezifferte die Zahl der Opfer der LRA im Vorjahr auf rund 800. Der letzte bekannte Überfall fand Ende März in der Zentralafrikanischen Republik statt und forderte erneut mehr als 25 Menschenleben.

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