In einem Bericht der UNO (Human Development Index) wurde 2009 anhand eines eigenen Index das Verhältnis von Männern und Frauen in Politik und Wirtschaft gemessen - Saudi-Arabien landete an viertletzter Stelle (106. von 109 Staaten).
Abdullah vs. Ulema
Seit mehreren Jahren versucht die Regierung unter König Abdullah entgegenzusteuern - sanft und mit ständiger Rücksichtnahme auf die Ulema, die in religiösen und gesellschaftlichen Angelegenheiten tonangebende Versammlung der islamischen Gelehrten. Viele der Ulema-Mitglieder sehen darin aber in der öffentlichen Geschlechtertrennung einen der zentralen Grundsteine der saudischen Gesellschaft.
Zwar gab es einige - gemessen an westlichen Standards - kleine Fortschritte. So wurden in den letzten Jahren mehrere relativ hochrangige Verwaltungsposten an Frauen vergeben. Und Abdullah bestellte zwölf Frauen in den Schura-Rat, das königliche Beratungsorgan. Doch bereits hier wird das Grundproblem sichtbar: Denn die Frauen können nur per Videokonferenz an den Sitzungen der Schura teilnehmen.
Öffnung ein "Höllenfeuer"
Und in wichtigen Fragen - etwa, ob Frauen als Verkäuferinnen arbeiten dürfen - scheiterte die durchaus für Liberalisierungsschritte offene Regierung am Widerstand der Hardliner. Selbst der Versuch, Frauen zumindest den Verkauf von Damenunterwäsche zu gestatten, scheiterte vor wenigen Jahren. Die Gegner eines liberaleren Kurses erkannten das - wohl nicht zu Recht - als möglichen Präzedenzfall.
Der saudische Großmufti betonte, das zu erlauben führe zum "Höllenfeuer", der zuständige Arbeitsminister erhielt sogar eine Todesdrohung von Osama bin Laden.
Kaum Frauen
Die Beschäftigungsquote von Frauen in Saudi-Arabien ist eine der niedrigsten weltweit und selbst für nahöstliche Verhältnisse ungewöhnlich. 2005 waren laut einem aktuellen Bericht der US-Menschenrechtsorganisation Freedom House nur 5,4 Prozent der Beschäftigten Frauen.
Offizielles Regierungsziel war es, diese Zahl bis 2009 auf 14,2 Prozent anzuheben, doch ist noch unklar, ob es auch erreicht wurde. Dafür sollte die Berufsausbildung für Frauen intensiviert und Hürden für Frauen, zu arbeiten, beseitigt werden.
Doch die zwei wichtigsten Hindernisse bestehen nach wie vor: einerseits die strikte Geschlechtertrennung auf dem Arbeitsplatz, die dazu führt, dass Frauen nur in bestimmten Nischen (Bildung und medizinische Betreuung) relativ problemlos arbeiten können. Dazu kommt andererseits, dass jede saudische Frau die Erlaubnis eines Mannes (Ehemann, Familienangehöriger) braucht, der als ihr Rechtsbeauftragter fungiert, um überhaupt einem Job nachgehen zu können.
Hürde Mobilität
Dazu kommt als dritte große Hürde das Verbot für Frauen, ein Auto zu lenken - also eine weitgehende Behinderung der Mobilität. Viele Lehrerjobs in entlegenen Orten können Frauen entweder gar nicht annehmen oder sie riskieren ihr Leben. Denn die einzige Option ist in solchen Fällen meist die Gründung einer Fahrgemeinschaft. Allein im Schuljahr 2007-2008 starben laut Freedom House 21 Lehrerinnen auf dem Weg zur Schule, 38 weitere wurden verletzt.
Die logische Folge: Praktisch alle Frauen, die arbeiten, sind im öffentlichen Sektor tätig - und dabei wiederum zum überwiegenden Teil entweder im Bildungs- oder Medizinbereich, wo die Geschlechtertrennung also relativ einfach funktioniert (Schule) oder Frauen unabkömmlich sind (Spitäler). So sind bereits 40 Prozent aller Ärzte Frauen.
Leise Anzeichen für Wandel
Immerhin gibt es aber auch zarte Anzeichen für ein Engagement in der Privatwirtschaft. So entstanden etwa Fabriken zur Produktion von Lampen. Doch auch hier gilt die Geschlechtertrennung: An den Fließbändern stehen nur Frauen. Bevor die fertig verpackte Ware - von Männern aus der Fertigungshalle abtransportiert wird - ertönt eine Glocke und die Frauen müssen sich verschleiern.
Frauen dominieren
Der Druck auf die saudische Politik, die starren Verhältnisse weiter aufzubrechen, wächst aber von Jahr zu Jahr. Längst sind deutlich mehr als die Hälfte der Studenten Frauen. Rechnet man die reinen Frauen-Lehranstalten hinzu, sind es sogar mehr als drei Viertel. 74 Prozent aller Doktoranden waren schon 2004 Frauen.
An den öffentlichen Unis waren allerdings nur ein Drittel der Studenten Frauen. Denn dort müssen Frauen mit zahlreichen Nachteilen fertigwerden: Nicht alle Universitäten haben Frauenabteilungen. Der Zugang zu den Bibliotheken ist beschränkt, da die männlichen Studenten den Vorzug haben. Für Frauen werden weniger Vorlesungen und Seminare angeboten. Manche Studienrichtungen verweigern Frauen den Zutritt, auch wenn dies gesetzlich erlaubt ist.
Gute Ausbildung für nichts
Trotzdem gesteht auch die saudische Regierung ein, dass diese oft besser ausgebildet sind als Männer. Für eine internationale Öffnung und Diversifizierung der saudischen Wirtschaft - mit dem Ziel, weniger abhängig von der Ölindustrie zu sein - werden die Frauen dringend benötigt.
Dazu kommt, dass Riad derzeit jährlich Millionen in die Ausbildung von Frauen investiert - in dem Wissen, dass dies dem Staat großteil nie einen volkswirtschaftlichen Nutzen bringen wird.
Schwieriger Balanceakt
Für König Abdullah sind die Bemühungen um mehr Rechte für Frauen ein schwieriger Balanceakt. Für die Wirtschaft wäre eine Öffnung ein wichtiger Beitrag, zugleich muss er darauf Rücksicht nehmen, die Ulema nicht vor den Kopf zu stoßen und gegen sich aufzubringen.
Nicht zuletzt könnte in dem Land, das sich als Hüter des wahren Islams versteht, eine Liberalisierung langfristig auch die Rolle des Königshauses in Frage stellen.
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