Das deutsch-türkischen Verhältnis hatte zuletzt stark unter dem Streit über türkische Gymnasien in Deutschland gelitten. Nach einer Ablehnung Merkels setzte Erdogan vor ihrer Abreise in die Türkei noch einmal nach und sorgte mit teils deftigen Sagern für Irritationen.
"Prügelknabe" Türkei?
"Warum dieser Hass gegen die Türkei? Ich verstehe es nicht", sagte Erdogan vor dem Treffen mit Merkel am Rande des Gipfels der Arabischen Liga in Libyen. "Das hätte ich von der Bundeskanzlerin Merkel nicht erwartet. Ist die Türkei ein Prügelknabe?"
Der Streit verdeutlicht, wie unterschiedlich Ankara und Berlin die Zugehörigkeit der in Deutschland mitunter seit mehreren Generationen lebenden Türken bewerten. So beharrt Erdogan darauf, dass die türkische Sprache auch nach mehreren Generationen in Deutschland erste Sprache bleiben müsse. Für die deutsche Regierung ist die deutsche Sprache hingegen eine wichtige Voraussetzung zur Integration.
Schleppende Beitrittsverhandlungen
Merkels erster Besuch seit 2006 bekommt aber noch aus anderen Gründen politische Brisanz. Denn neben den Schulen werden bei ihren Gesprächen mit Staatspräsident Abdullah Gül und Erdogan auch die schleppenden Beitrittsverhandlungen mit der EU Thema sein.
Und auch hier hat Merkel ihre Position bereits klargemacht: Sie lehnt eine EU-Mitgliedschaft des islamisch geprägten Landes ab, bietet Ankara dafür aber eine "privilegierte Partnerschaft" an. Für die türkische Regierung ist eine solche Lösung indiskutabel.
Zypern-Frage und Visumpflicht
Für weiteren Zündstoff dürfte die Zypern-Frage sorgen. Die EU fordert von der Türkei die Öffnung ihrer Häfen für Schiffe der zur EU gehörenden griechischen Republik Zypern. Ankara lehnt das wegen der Handelsblockade gegen den türkischen Inselteil ab. Und auch bei der von den Türken geforderten Aufhebung des Visumzwangs bei Reisen in die EU dürfte es so rasch keine Lösung geben.
Opposition verweigert Treffen
Vor allem Merkels Haltung zum EU-Beitritt hat unter den türkischen Politikern für Missbilligung gesorgt. Oppositionsführer Deniz Baykal lehnte daher ein Treffen mit Merkel bei einem Empfang in der deutschen Botschaft ab.
Auch der Vorsitzende der nationalistischen MHP, Devlet Bahceli, ließ erklären, er bevorzuge ein Zweiertreffen im Parlament, wie es beim Besuch von US-Präsident Barack Obama organisiert worden sei.
Grüne: Für Beitritt einsetzen
Aber auch aus dem eigenen Land kam Kritik. Die deutsche Grünen-Chefin Claudia Roth rief Merkel noch vor ihrer Abreise dazu auf, sich für einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union einzusetzen. Das Angebot einer "privilegierten Partnerschaft" sei ein Fehler, sagte Roth am Montag im Südwestrundfunk (SWR).
Wirtschaftsmacht Türkei
Und auch für den türkischen Wirtschaftsminister Ali Babacan ist die Situation mittlerweile eine völlig andere als noch zu Beginn der Verhandlungsgespräche. "Heute kann die EU der Türkei nicht mehr sagen, sie könne als Mitglied nicht akzeptiert werden, weil die Wirtschaftskraft zu gering und das Land zu arm sei", sagte Babacan vor einigen Tagen in Brüssel.
Verzicht auf Kreditprogramme
"Dann haben wir das gute Recht, nach Erklärung dafür zu fragen, was sie mit vergleichsweise armen Staaten wie Bulgarien und Rumänien vorhaben", sagte Babacan. Für das laufende Jahr erwartet Babacan ein kräftiges Wirtschaftswachstum von bis zu 5,5 Prozent. Während sich andere Staaten um Hilfen des Internationalen Währungsfonds (IWF) bemühen müssen, verzichtete Ankara nach fast zwei Jahre dauernden Verhandlungen auf ein Kreditprogramm.
Handelspartner Iran
Doch die Interessen der Türkei sind längst nicht mehr nur auf die EU gerichtet. Allein mit dem Iran will die türkische Regierung das Handelsvolumen bis zum kommenden Jahr auf 20 Mrd. Dollar (knapp 15 Mrd. Euro) mehr als verdoppeln.
"70 Prozent Rhetorik"
Für Merkel ist Erdogan in jeder Hinsicht ein schwieriger Partner. Neben den unterschiedlichen politischen Interessen kommt noch sein sein aufbrausendes Temperament hinzu, mit dem er er mittlerweile vielen westlichen Partnern unheimlich geworden ist. Ein ranghoher türkischer Diplomat riet allerdings, nicht jedes Wort Erdogans auf die Goldwaage zu legen: "Was Erdogan sagt, ist zu 70 Prozent Rhetorik. Aber es kommt vor allem in den islamischen Staaten an."
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