Ungebrochener Teufelskreis

Das Ensemble sorgte für anhaltenden Applaus.
Dass ein Filmregisseur an der Wiener Burg sein erstes Theaterstück inszeniert, ist ungewöhnlich. Wenn dieser Debütant aber Thomas Vinterberg heißt und ein Werk aus eigener Feder zur Uraufführung bringt, sind die Erwartungen groß.

"Das Begräbnis" ist ein Auftragswerk des Burgtheaters und knüpft inhaltlich an Vinterbergs Dogma-Erfolgsfilm "Das Fest" an.

Filmfortsetzungen "oft erbärmlich"
Eine Filmfortsetzung war für den dänischen Regisseur damals ausgeschlossen. Fortsetzungen großer Kinoerfolge seien oft ziemlich erbärmlich, meinte er im Ö1-Interview im Vorfeld der Premiere.

Doch auch das Experiment, die verstörende Familiengeschichte zwölf Jahre später auf der Bühne weiterzuerzählen, kann nicht gänzlich überzeugen.

Sexueller Missbrauch wird aufgedeckt
Im Stück selbst sind ebenfalls zehn Jahre vergangen, seit der Sohn Christian (Martin Wuttke) in der Tischrede vor versammelter Geburtstagsgesellschaft enthüllte, dass er und seine Zwillingsschwester als Kinder vom Vater jahrelang sexuell missbraucht wurden.

Die Familie trifft wieder aufeinander
©Bild: APA/Herbert Pfarrhofer
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Zum Begräbnis des Patriarchen (Michael König) versammelt sich die Familie nun erneut am Schauplatz der schockierenden Abrechnung. Witwe Else (Corinna Kirchhoff) und die Kinder Christian, Michael (Oliver Stokowski) und Helene (Christiane von Poelnitz) treffen erstmals wieder aufeinander.

Christians Frau Pia (Dörte Lyssewski), Michaels neue Freundin Sofie (Johanna Wokalek) sowie Henning, Michaels Sohn aus erster Ehe (Sebastian Blin), ergänzen die Trauergesellschaft.

Reden unter zunehmendem Alkoholeinfluss
Reden sind diesmal verboten - werden aber trotzdem mindestens so oft geschwungen wie Alkohol konsumiert. Es ist, als wäre nicht das Gesagte vor zehn Jahren der Skandal, sondern die Rede selbst.

Atmosphärisch ist schnell klar: Im Hotel der Familie spukt es. Der Geist von Vater Helge ist präsent, und das nicht nur, wenn er tatsächlich aus dem Badezimmer kommt und zu seinen Kindern spricht, oder auf dem Bild an der Wand.

Die Gegenwart löst die Vergangenheit ab
©Bild: APA/Herbert Pfarrhofer
©Bild: APA/Herbert Pfarrhofer
Ein Stromausfall setzt die Ereignisse in Gang. Die von Johannes Schütz gestaltete Bühne dreht sich, gewährt Einblicke und gibt Ausblicke frei. Nicht länger ist die Vergangenheit das Problem der Familie.

Ähnlich einer Kamerafahrt verfolgt der Zuschauer Christian, der das Wohnzimmer verlässt und mit einem Kerzenleuchter die Stiegen nach oben geht. Die Musik baut gekonnt Spannung auf, und für das Publikum unsichtbar vergeht sich Christian an seinem Neffen: Der Teufelskreis ist geschlossen.

Absurde Versuche, das Böse zu verdrängen
©Bild: APA/Herbert Pfarrhofer
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Seine Frau erwischt ihn, und innerhalb kürzester Zeit weiß die Familie Bescheid. Wie in "Das Fest" verzweifeln alle an der Botschaft.

Wieder reagieren sie in ihrer Ohnmacht mit teils absurden Versuchen, den "Schaden" zu begrenzen - in der sinnlosen Hoffnung, ihn irgendwie gutmachen zu können.

Arbeit gegen die inhaltliche Form
Die Theaterfassung von "Das Fest" ist ein beliebtes Stück auch für kleinere Bühnen. Inhaltlich kammerspielartig kommt jetzt auch die Fortsetzung daher - und genau dagegen arbeitet Vinterberg.

Er setzt das Stück auf die große Bühne, die locker alle bespielten Räume des Hotels unterbringt. Eine naturalistische Küche hebt sich aus der Versenkung, Schlafzimmer, Salon und Kaminzimmer drehen sich in den Vordergrund und wieder hinaus.

Doch der Regisseur vergisst, die vorhandenen Möglichkeiten auszunutzen. Das Spiel konzentriert sich in Richtung Rampe und gerät dadurch zeitweise in eine Zweidimensionalität.

Ensembleleistung schlägt Inszenierung
Dem ausnahmslos hervorragenden Ensemble ist es zu verdanken, dass Vinterbergs Inszenierung, die in ihren gut zweieinviertel Stunden durchaus auch Längen aufweist, kein Misserfolg ist.

Wuttke bannt als Christian das Publikum. Er ringt mit sich selbst, verflucht sein Schicksal und nimmt dann wieder seine Pädophilie als für ihn logisches Erbe an.

Der Applaus für das Ensemble am Premierenabend war fast euphorisch, umso stärker fiel der Kontrast zu den unüberhörbaren Buhrufen für Neo-Theaterregisseur Vinterberg auf.

Sophia Felbermair, ORF.at

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