Von Kindesbeinen an

Auch die Eltern lernen die schwedische Mentalität kennen.
Bildung und die Integration von Migranten sind seit längerem ein vieldiskutiertes Thema in Schweden. Vor allem die Vorschulen, das Äquivalent etwa zu den heimischen Kindergärten, gelten in dem skandinavischen Land als die Spitze der Integrationsmaßnahmen.

80 Prozent gehen in die Vorschule
Obwohl die Schulpflicht in Schweden erst mit sieben Jahren beginnt, gehen mehr als 80 Prozent der Zweijährigen in die Vorschule, viele beginnen gar noch früher, wie der "Economist" schreibt. Unter den europäischen Ländern ist die Zahl in diesem Alter nur in Dänemark noch höher.

"Schwedische Werte" vermittelt
Wert wird auch darauf gelegt, in der Vorschule "schwedische Werte" zu vermitteln, so Karin Danielsson, Direktorin in einer Vorschule im Vorort Tensta der schwedischen Hauptstadt Stockholm, im Interview mit dem "Economist". In Tensta wohnen viele Einwanderer.

Kein Problem mit Migrantenmehrheit
Von 85 Kleinkindern in ihrer Vorschule ist Schwedisch nur bei drei Kindern die Muttersprache. Ein Problem ergebe sich daraus nicht, so Danielsson.

Viele Kinder kommen aus Familien, die aus Somalia auswanderten oder aus anderen Kulturen, wo Kleinkinder traditionell daheim erzogen werden, so Danielsson.

Das sei vielleicht ihre Tradition, so Danielsson, doch in Schweden "muss man die Regeln und das soziale Verhalten", die in Schweden vorherrschen, erlernen. Danielsson findet den Einstieg der Kinder im Alter von zwölf bis 18 Monaten optimal. Die Kleinen sollten dann auch sechs Stunden in der Obhut der Betreuer bleiben.

Freie Kinder ein Problem für Eltern
Die schwedischen Regeln könnten auch zu Konflikten in den Immigrantenfamilien führen, so Danielsson. Die Familien seien oft nicht gewohnt, ihre Kinder frei entscheiden zu lassen, wie es in schwedischen Vorschulen gang und gäbe sei.

Bereits die Kleinsten könnten wählen, ob sie etwa lieber spielen oder anderen Aktivitäten nachgehen wollten. Die Meinung aller Schüler werde gehört, ihnen werde aber auch gezeigt, dass sie die Wünsche der Gruppe respektieren müssen.

Für Eltern aus einem andern Kulturkreis könne es ziemlich hart sein, mit "starken" Kindern, die gelernt hätten, Entscheidungen selbst zu treffen, umzugehen. Aber, so Danielsson weiter, "die Vorschule lehrt auch Eltern etwas über Schweden".

14 Monate Elternzeit
Schweden bietet nach der Geburt 14 Monate an Elternzeit, zwölf Monate für einen Elternteil und zwei für den anderen, um auch Väter stärker einzubeziehen. Bis zu 80 Prozent des Aktivgehalts werden vom Staat weitergezahlt.

Das bedeutet, dass kaum ein Kind in Schweden im ersten Lebensjahr in die Obhut einer Tageseinrichtung gegeben wird. Einige Monate später sind allerdings fast alle Kinder in den Vorschulen.

Recht auf Gratissprachausbildung
Einwanderer in Schweden hätten das Recht auf eine Gratissprachausbildung, sobald sie sich einmal in Schweden befinden, so Eva-Lotta Johansson vom Stockholmer Integrationsministerium.

Auch Ausbildung wird bezahlt
Ein neues Gesetz, das Ende des Jahres in Kraft treten soll, sieht vor, dass Immigranten nach Erhalt der Aufenthaltsgenehmigung zwei Jahre lang bezahlt werden, um ganztätige Sprachkurse, Staatsbürgerkundekurse und Berufsausbildung zu absolvieren, so der "Economist".

Frauen weg vom Herd
Die Zuwendungen werden nicht an Haushalte, sondern an Personen ausgezahlt. Das Ziel sei es, vor allem Immigrantinnen die Integration in den Arbeitsmarkt zu erleichtern und sie schlichtweg vom Herd und der Kinderbetreuung wegzubekommen.

"Ideologische Überzeugungen"
Hinter dieser Politik stecke einiges an ideologischen Überzeugungen, so ein hochrangier Beamter zum "Economist". Die herrschende Ansicht sei, dass es wirtschaftlich und steuerlich gut sei, dass Frauen im Arbeitsleben stehen.

Sehr stark verbreitet sei auch die Ansicht, dass "es gut ist, dass die Kinder die Vorschule besuchen, da sie von ausgebildeten Pädagogen betreut werden". Es sei dann ein netter Zirkelschluss, wenn Beamte immer argumentierten, dass die Kinder in den Vorschulen Freunde fänden, da das der Ort sei, wo alle Kinder hingingen.

300 Euro, wenn Kinder daheimbleiben
Diesen Konsens will in Schweden allein die Mitte-rechts-Partei der Christdemokraten aufbrechen, so der "Economist". Als kleiner Partner in der Regierungskoalition gelang es ihnen, ein Gesetz durchzubringen, das eine monatliche Zuwendung von 3.000 Kronen (rund 300 Euro) jenen Eltern garantiert, die ihre unter Dreijährigen zu Hause erziehen.

Laut Christdemokraten sollte das ein Signal sein, dass die Eltern die freie Wahl hätten, ihr Kind entweder in die Vorschule zu geben oder aber daheimzulassen.

Auswirkungen bereits bemerkbar
Das Argument hat eine rege Diskussion bei anderen Parteien und Bildungsexperten ausgelöst. Einige Experten sprechen gar von einem Rückschlag in der Immigrantendebatte.

Der 3.000-Kronen-Zuschuss bedeutet wenig für eine schwedische Mittelklassefamilie, ist aber hoch genug, um Immigrantenmütter dazu zu bringen, ihre Kleinkinder nicht in die Vorschule zu schicken. Die Tendenz macht sich in den Vorschulen bereits bemerkbar. So seien rund fünf Prozent der Kinder aus ihrer Vorschule genommen worden, so Danielsson.

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