"Neuerliche Zerstückelung Afrikas"

"Hallo, Äthiopien, willkommen in der Welt der neuen Möglichkeiten."
Afrikas riesige Rohstoffvorkommen haben seine neuen "Partner" längst im Visier. Doch mittlerweile zeigen sie auch zunehmendes Interesse am Erwerb von Land auf dem Kontinent.

Allein China hat laut dem französischen JournalduNet in Afrika inzwischen fast drei Millionen Hektar landwirtschaftlicher Flächen in Besitz oder Pacht. Der südkoreanische Mischkonzern Daewoo wollte sich 2008 die Kontrolle über fast 50 Prozent der Agrarflächen Madagaskars sichern, scheiterte allerdings. Im Sudan teilen sich sechs Staaten weit über eine Million Hektar.

Derartige Beispiele, hieß es vor kurzem in dem Magazin, seien symptomatisch für einen derzeit immer deutlicher werdenden Trend, den Kritiker als "Land-Grabbing" bezeichnen.

Enorme Renditen locken
Die Motive dafür sind mehrschichtig: So verbrauchen Länder mit rasanter wirtschaftlicher Entwicklung wie China und Indien mehr Ressourcen, als ihnen innerhalb der eigenen Landesgrenzen zur Verfügung stehen. Das gilt gleichermaßen für Bodenschätze wie für Nahrungsmittel. Eine weitere Triebfeder sind steigende Importpreise.

Schließlich - und nicht unerheblich - lockt die Rendite. Billiges Land und billige Arbeitskraft ermöglichen enorme Gewinne. Das ist der Grund, weshalb auch Finanzinvestoren das Thema Land in der "Dritten Welt" bereits für sich entdeckt haben.

Hoffen auf Entwicklungsimpulse
Die Regierungen von Staaten wie Äthiopien, dem Sudan, Kenia, Tansania und anderen mehr hoffen ihrerseits auf Technologietransfer und Investitionen in ihre Infrastruktur - alles in allem auf Entwicklungsimpulse.

Vorteile auf beiden Seiten also? Theoretisch. "Wenn das ordentlich geschieht, können Investitionen die lokale Nahrungsmittelversorgung verbessern und dringend benötigte Arbeitsplätze schaffen", schrieb kürzlich der britische "Guardian".

Mehr als ein Haken
Allein, für Entwicklungsländer hat die Sache meist mehrere Haken: Dass Investmentgesellschaften nicht in erster Linie Verteilungsgerechtigkeit im Sinn haben, mag eine Unterstellung sein. Dass die "Dritte Welt" aus eine Position der ökonomischen Schwäche heraus agiert, dürfte kaum jemand ernsthaft anzweifeln.

Die französische Zeitung "Le Monde diplomatique" brachte es kürzlich auf den Punkt: Afrika sei verschuldet, abhängig und "dem ausländischen Kapital auf Gedeih und Verderb ausgeliefert - und damit reif für die Übernahme".

Internationale Agrarkonzerne dagegen verweisen auf die positiven Effekte ihrer Präsenz. "Hallo, Äthiopien, willkommen in der Welt der neuen Möglichkeiten", wirbt Karaturi Global Limited aus Indien und verspricht Äthiopien und Kenia (wo das Unternehmen Rosen für den Export nach Europa anpflanzt, Anm.) "ein besseres Morgen" durch Investitionen in die örtliche Gesundheits- und Bildungsinfrastruktur.

Umwelt- und soziale Probleme
Der Konzern errichtet laut "Guardian" in Äthiopien derzeit riesige Farmen auf einer Fläche von etwa 300.000 Hektar für den Anbau von Getreide und Ölpalmen. Startbahnen für Sprühflugzeuge zur Schädlingsbekämpfung und Bewässerungsanlagen seien in Bau.

Karaturi bezahlt seine rund 20.000 äthiopischen Arbeiter laut "Guardian" über dem üblichen Niveau. Doch angesichts eines Tageslohns von rund 50 Cent und einer jährlichen Pacht von 85 Cent bis 7,50 Euro pro Hektar wird klar, weshalb es das Unternehmen nach Afrika zieht: Produktionskosten auf diesem Niveau bringen enorme Gewinnmargen.

Dabei streicht der Konzern hervor, ausschließlich für den afrikanischen Markt produzieren zu wollen. Der Nebeneffekt: Das Preisniveau, auf dem Agroriesen wie Karaturi produzieren können, bedeutet für örtliche Kleinbauern den Ruin.

Riesige Investitionen
In Äthiopien, berichtete der "Guardian", stoße das Großprojekt (Karaturi will bis zu eine Mrd. Euro in dem bitterarmen Land investieren und jährlich rund drei Mio. Tonnen Getreide produzieren, Anm.) auf "gemischte Reaktionen".

Ein Problem nicht nur in Äthiopien ist, dass Land, das die Regierungen als "brachliegend" anbieten, tatsächlich oft von Kleinbauern genutzt wird. Ein weiteres ist, dass sich ausländische Investoren in der Regel für die besten Böden interessieren, um ihre Erträge zu maximieren.

"Ein Teufelskreis"
Dennoch will Äthiopien, das seit Jahren auf Lebensmittelhilfe angewiesen ist, in den kommenden Jahren drei Mio. Hektar und damit etwa 20 Prozent seiner gesamten nutzbaren landwirtschaftlichen Fläche an Investoren vergeben und sieht selbst keine andere Wahl: "Es gibt keine Pflanze, die in Äthiopien nicht wachsen würde", zitierte der "Guardian" Esayas Kebede vom Landwirtschaftsministerium in Addis Abeba, "aber wir können in dieser Quantität und Qualität nicht produzieren. Es ist ein Teufelskreis aus Mangel an Kapital und Technologie."

Erinnerungen an die Kolonialzeit?
Die "Monde diplomatique" zieht eine ernüchternde Bilanz und fühlt sich an die Anfänge des Kolonialismus - lediglich mit ausgetauschten Akteuren - erinnert: "Die neuerliche Zerstückelung Afrikas hat begonnen. Nur sind die Akteure heute nicht die Könige (...) kolonialer Reiche, sondern die Majestäten der Finanzmärkte, Großkonzerne und reichen Staaten", schreibt die Zeitung und verweist auf strukturelle Parallelen zwischen der Zeit, als sich die belgische Krone 1876 mit einem Trick das Gebiet der heutigen Demokratischen Republik Kongo unter den Nagel riss, und heute. "Würde Leopold II. von Belgien noch leben, wäre er bei solchen Geschäften ganz gewiss wieder dabei."

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