Es kam zu Kämpfen um Nahrungsmittel, die aus Trümmern von Gebäuden gezogen wurden. "Wenn die Lage nicht bald kontrolliert wird, wird es zum Chaos kommen", sagte der Helfer Steve Matthews von der Organisation World Vision.
"Katastrophe historischen Ausmaßes"
Nach UNO-Angaben ist das Beben überhaupt die schlimmste Katastrophe, mit der die Vereinten Nationen jemals zu tun hatten. Die Sprecherin des Büros zur Koordinierung humanitärer Einsätze, Elisabeth Byrs, begründete ihre Einschätzung damit, dass das Beben die örtlichen Strukturen in dem Karibikstaat völlig zerstört hätte.
"Das ist eine Katastrophe historischen Ausmaßes", so Byrs, und sei auch mit dem verheerenden Tsunami im Dezember 2004 nicht vergleichbar. In der damals besonders stark betroffenen indonesischen Provinz Aceh seien zumindest die Strukturen der örtlichen Behörden intakt geblieben, erklärte die UNO-Sprecherin.
In Haiti hingegen seien etwa in der 134.000-Einwohner-Stadt Leogane, in der bis zu 90 Prozent der Häuser zerstört wurden, die örtlichen Behörden vollständig zerschlagen worden.
Starkes Nachbeben
Port-au-Prince wurde am Samstag von einem starken Nachbeben erschüttert. Zahlreiche Menschen liefen in Panik aus den Häusern. Die Rettungsarbeiten für die Opfer der Erdbebenkatastrophe mussten kurzzeitig unterbrochen werden. Das Nachbeben hatte nach Angaben des Geologischen Dienstes der USA eine Stärke von 4,5.
Sicherheit "nicht immer gewährleistet"
Auch der Österreicher Arthur Weber, der als Mitglied eines EU-Expertenteams für den Aufbau der Administration zuständig ist, berichtet von dramatischen Zuständen.
Die Sicherheit sei vor allem in der Nacht außerhalb des schwer bewachten UNO-Geländes "nicht immer gewährleistet", weshalb es derzeit keine Nachteinsätze gebe, so der Vorarlberger Rettungsspezialist - mehr dazu in oesterreich.ORF.at.
Der österreichische "Presse"-Journalist Stefan Riecher schreibt in seinem Blog aus Haiti von Ausschreitungen und Krawallen. Am Freitag dürften sich die ersten UNO-Panzer ihren Weg in die Innenstadt gebahnt haben. "Es bleibt zu hoffen, dass sie von der wütenden Meute hier nicht überrannt werden", schreibt Riecher.
"Unruhen nur der Anfang"
Der Haiti-Gesandte der UNO und Ex-US-Präsident Bill Clinton warnte am Freitag, die ersten Unruhen seien nur der Anfang. "Sie werden sehr wütende Menschen sehen, Menschen die plündern, Menschen, die Dinge sagen und tun, die uns nicht gefallen", sagte er dem Fernsehsender Fox News.
Angesichts der Schwächung der haitianischen Regierung und wegen der Furcht vor gewalttätigem Chaos kündigte der brasilianische Verteidigungsminister Nelson Jobim an, sein Land werde "nicht-tödliche Waffen wie Gummigeschoße" nach Haiti schicken.
6.000 Häftlinge geflohen
Und auch die Tatsache, dass nach dem Beben rund 6.000 Häftlinge das Chaos nützen, um aus ihren Gefängnissen zu fliehen, trägt nicht zur Sicherheit der Lage bei. Die Gebäude seien durch das Beben beschädigt und anschließend nicht mehr bewacht worden, hieß es aus Regierungskreisen. Ein Großteil der Männer sei zu lebenslanger Haft verurteilt gewesen.
Menschen sterben vor Ärztezentrum
Aber auch die Versorgung der Verletzten ist weiter kritisch. Vor einem Zentrum der Organisation Ärzte ohne Grenzen starben rund 100 Menschen, während sie auf medizinische Behandlung warteten, wie der Leiter der Vertretung, Stefano Zannini, telefonisch mitteilte. Die häufigste Verletzung seien offene Knochenbrüche.
Mehr als 3.000 Verletzte wurden zur Behandlung in die benachbarte Dominikanische Republik gebracht. Am Freitag landete eine Boeing 777 mit 250 medizinischen Helfern aus Israel, die mit den Arbeiten zur Errichtung eines Feldlazaretts begannen.
Seit Tagen kein Trinkwasser
Vor dem eingestürzten Präsidentenpalast harren mehrere tausend Obdachlose in einem Zeltlager aus. Seit Dienstag gebe es für sie kein Wasser, sagte die Krankenschwester Marimartha Syrel. Wenn keine Hilfe komme, so sagte die 21-jährige Straßenhändlerin Rivia Alce, "werden wir sterben".
Brennende Leichen auf Müllhalde
Auf einem Friedhof vor der Stadt luden Lastwagen Dutzende von Leichen in ein Massengrab. Im Süden der Stadt verbrannten Arbeiter mehr als 2.000 Leichen auf einer Müllhalde. Laut offiziellen Angaben dürften 140.000 Menschen ums Leben gekommen sein, weitere 100.000 werden noch unter den Trümmern der eingestürzten Häuser vermutet.
Hafen unbenutzbar
Unterdessen ist Freitagabend im Hafen von Port-au-Prince ein erstes Versorgungsschiff mit Bananen und Kohle eingetroffen. Durch das Beben wurde der Haupthafen der Stadt aber so schwer beschädigt, dass größere Schiffe dort nicht landen können. Noch suchen Hilfsmannschaften nach anderen Landungsplätzen, um auch größere Lieferungen abwickeln zu können.
USA verspricht breiten Strom an Hilfe
Auch die Kapazitäten des Flughafens sind nach wie vor begrenzt, wie die Organisation Ärzte ohne Grenzen erklärte. "Wenn Flugzeuge länger als geplant auf dem Boden bleiben, kommt es zu Verzögerungen", erklärte der logistische Manager Laurent Dedieu. Da die Beleuchtung des Flughafens zerstört worden sei, könne nachts kein Flugzeug landen.
"Bis jetzt kommt unser Beistand noch durch einen Gartenschlauch", sagte der Sprecher des US-Außenministeriums, P. J. Crowley. "Aber jetzt weiten wir das aus, da mit wir einen breiten Strom an Hilfe für Haiti bekommen." In Washington sagte US-Präsident Barack Obama: "Es liegen noch viele schwierige Tage vor uns."
Clinton: "Rennen gegen die Zeit"
Am Samstag soll auch US-Außenministerin Hillary Clinton in Port-au-Prince ankommen. Vor ihrer Abreise sagte sie, es gebe jetzt "ein Rennen gegen die Zeit", um für eine Stabilisierung zu sorgen, ehe es zu Unruhen und damit zu zusätzlichen Problemen kommen könnte. Clinton dankte auch der kubanischen Regierung für die Öffnung ihres Luftraums für US-Flugzeuge mit Hilfsgütern.
Links:
- "Presse"-Blog
- Weißes Haus
- Haiti (Wikipedia)
- UNO