Individualität als Mythos

Es geht auch ohne Handschrift, sagt eine Journalistin. Nicht viele geben ihr recht.
Wenn neue Techniken eingeführt werden und sich flächendeckend zu verbreiten beginnen, setzt stets dasselbe Lamento ein: Was auch immer als Kulturtechnik abgelöst oder ergänzt wird, sei weit höher einzuschätzen, das Neue ein Beweis für den Verfall der Sitten.

Die US-Journalistin Anne Trubek dürfte sich dessen nicht bewusst gewesen sein, als sie vor gut einem Jahr einen Artikel veröffentlicht hatte, in dem sie forderte, dass an Schulen Handschrift nicht mehr als Standard gelehrt werden sollte.

Ein Zeichen von Persönlichkeit?
Nachdem Microsoft den Text auf seiner Website verlinkt hatte, trudelten bei Trubek sehr zu ihrer Überraschung Tausende empörter E-Mails ein. In den freundlicheren davon hieß es, Handschrift sei wichtig für die Entwicklung und das Repräsentieren der eigenen Identität und der Intelligenz. An der Handschrift könne man die Persönlichkeit eines Menschen ablesen.

Die teils heftigen Reaktionen veranlassten Trubek dazu, noch einmal weit auszuholen. In einem neuen Artikel im Magazin "Miller-McCune" erklärt sie ausführlich, warum sich so viele Mythen um das Schreiben ranken und weshalb ein Umstieg von Schülern auf das Schreiben am Computer sinnvoll wäre.

Das Austreiben der Individualität
Zunächst widmet sie sich dem Argument des Verlusts der Persönlichkeit. Dagegen spricht für Trubek, dass genau das Austreiben der Individualität an den Schulen das größte Anliegen der Lehrer sei, wenn es um die Handschrift geht.

Gelehrt wird eine genormte Schrift - wer dagegen verstößt, dem drohen Sanktionen. Vielerorts gibt es noch eine Note im Schulzeugnis für "Form" und "Schönschreiben", ähnlich der Beurteilung des Betragens.

Der Standard des Schönschreibens
Trubek leitet den Konformitätszwang für die USA historisch her. Im 19. Jahrhundert habe die Verbreitung des Schulbesuchs rapide zugenommen. Damit einhergehend sei immer öfter auch das Schreiben gelehrt worden, während bis dahin viele Menschen - wenn überhaupt - nur lesen konnten.

Um dabei die Form zu wahren, führte Platt Rogers Spencer zuerst seine genormte Schönschrift ein, die von vielen Lehranstalten als Ultima Ratio gelehrt wurde. Sie war allerdings aufwendig, fast schon eine kalligraphische Kunstform.

Weil es gerade in der Wirtschaft schneller gehen musste, legte A. N. Palmer etwas später eine schnörkellose, aber ordentliche Version der Schreibschrift vor. Sie ist bis heute als Standard des Schönschreibens weit verbreitet.

Intelligent auch durch Tastatur
Neben der Persönlichkeit sieht Trubek auch die Intelligenz der Schüler nicht in Gefahr - eher im Gegenteil. Zwar räumt die Journalistin ein, dass womöglich bestimmte Verbindungen im Gehirn, die durch das Schreiben mit einem Kugelschreiber oder einer Füllfeder angeregt werden, verkümmern könnten.

Allerdings sei durch den Einsatz von Computern viel mehr zu gewinnen. Denn schon Kinder würden nach ein wenig Training mit einer Tastatur weit schneller schreiben als ohne. Und somit könnten sich Gedanken in ihrem natürlichen Tempo entwickeln. Das ständige Unterbrechen, weil man beim Schreiben nicht mitkommt, störe den Gedankenfluss erheblich.

"Die Handschrift wird verschwinden"
Trubek weiß freilich, dass sie - zumindest mittelfristig - auf verlorenem Posten steht. Schließlich, zählt sie auf, habe sich die Schrift der Summerer in Abwandlungen Tausende Jahre lang gehalten. Und selbst die Griechen hätten nach der Erfindung ihrer Schrift jahrhundertelang kaum etwas damit gemacht.

Die Handschrift werde nicht schnell verschwinden, sagt Trubek: "Aber sie wird verschwinden."

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