Programm namens Presenter geschrieben - und damit auch Geschichte. Die Software wurde 1987 von Microsoft gekauft und unter dem Titel "PowerPoint 1.0" auf den Markt gebracht.
Heute fehlen Beamer und digitale Folien bei kaum einem Vortrag, Meeting oder Referat. An die Wand werden Stichworte, Grafiken, Fotos und Filme projiziert, die den Redefluss des Vortragenden im besten Fall auflockern und ergänzen sollen. Oft wird dadurch jedoch nur vom Inhalt abgelenkt.
Wie "böse" ist PowerPoint?
Seit Jahren beklagen Intellektuelle, dass PowerPoint die Menschheit verblöde. Man werde zum Denken in Schlagworten verleitet, tiefergehende Reflexion würde verlernt, und außerdem seien die meisten Präsentationen grottenschlecht und langweilig.
Aber ist PowerPoint wirklich "böse"? Dieser Frage gehen verschiedene Philosophen im neuen Band "PowerPoint. Macht und Einfluss eines Präsentationsprogramms" nach. Zudem unterbreiten sie Vorschläge, wie der Umgang mit der Software verbessert werden könnte und geben einen Ausblick darauf, was nach PowerPoint kommt.
Die große, weiße Fläche
Einer der Herausgeber des Bandes, der Philosophieprofessor Claus Pias, stellt im Gespräch mit ORF.at eine Vermutung auf: Die klassische PowerPoint-Folie wird sich auflösen. Die starre Abfolge der verschiedenen Blätter schränke den Vortragenden zu sehr ein.
Es gebe bereits erste, vielversprechende Ansätze von Programmierern, dem Folienprinzip eine große, weiße Fläche entgegenzusetzen. Pias, der momentan am Wissenschaftskolleg zu Berlin unterrichtet, vergleicht das mit der "Infinite Canvas" von Comiczeichnern und einem großen Tisch, auf den man alles, was man wolle, ausbreiten könne.
Kamerafahrt zwischen Objekten
Zitate, Bilder, Animationen würden also nicht mehr hierarchisch in unterschiedlichen Folien angeordnet werden, sondern auf ein und derselben Seite festgehalten, von der aber immer nur ein Ausschnitt sichtbar wird.
Ähnlich wie bei Online-Landkarten, etwa Google Maps, kann man in die Fläche hinein- und hinauszoomen, sie herumschieben und wie bei einer Kamerafahrt zwischen den Objekten auf der weißen Fläche umhernavigieren. Dadurch wird das Springen zwischen den Materialen leichter und der Vortrag kann flexibler gestaltet werden. Die Software Prezi nennt Pias einen ersten Versuch in diese Richtung.
Zurück zur Tafel, digital
Einen weiteren Vorschlag für die Präsentationssoftware der Zukunft macht neben Pias im Gespräch mit ORF.at auch sein Professorenkollege Herbert Hrachovec vom Philosophie-Institut der Universität Wien: die Rückkehr zum Prinzip Tafel-Overheadprojektor.
Es solle möglich werden, in Echtzeit die PowerPoint-Fläche zu beschreiben. Hier geht es ebenfalls um Flexibilität und darum, auf Anregungen aus dem Auditorium reagieren zu können. Pias schlägt vor, dass in kleinen Gruppen auch alle Beteiligten auf die Fläche schreiben können sollen.
Kritik an den Kritikern
Mit dem Tafelprinzip, so Hrachovez, könne das starre Prinzip von PowerPoint aufgelöst werden. Diese Starrheit ist es auch, die der Philosoph als Kritik an PowerPoint gelten lässt. Wie ein Priester seine Hostien, so zeige der Vortragende Folien her: "Seht, das ist mein Wort."
Ansonsten möchte er aber nicht in den kulturpessimistischen Kanon vieler seiner Kollegen einstimmen. Pessimistisch stimme ihn nur der Pessimismus der Intellektuellen. Vor allem jene, die PowerPoint nicht adäquat anwenden können, würden sich zu Wort melden.
Show darf sein
Man könne nicht behaupten, dass Präsentationen durch PowerPoint zur Show verkommen - weil Rhetorik schon seit der Antike immer als Show inszeniert worden sei. Und in der Zeit vor PowerPoint seien gerade geisteswissenschaftliche Vorträge oft schlicht langweilig gewesen, die Redetexte vom Papier heruntergelesen worden.
Zentral sei aber sehr wohl die Frage, wann die Software überhaupt eingesetzt werden soll. Es gebe einen gewissen sozialen Druck, PowerPoint zu verwenden, auch wenn es oft besser wäre, darauf zu verzichten. Komplexere Inhalte ließen sich anders besser darstellen.
"Keep it simple"
Einfachere Sachverhalte wären aber in den Folien gut aufgehoben, wenn man sich an gewisse Grundsätze hält: "Keep it simple" - oft sind Grafiken und Effekte sinnlos. Der Text auf der Folie soll das Gesagte nicht einfach doppeln, sondern sinnvoll ergänzen.
Die Relevanz gezeigter Bilder soll klar sein und das Gezeigte erklärt werden. Und Vortragende sollen sich bewusst werden, dass bei PowerPoint auch Worte wie Bilder wirken, ähnlich wie bei einem Plakat.
Suche nach neuer Ästhetik
Pias sieht das ähnlich. So wie man nicht einfach sagen könne, dass Waffen an Gewalt schuld seien, könne man auch PowerPoint nicht für die zahlreichen schlechten Präsentationen verantwortlich machen, die damit erzeugt werden.
Der Umgang mit Präsentationssoftware stecke eben noch in den Kinderschuhen. Eine völlig neue Form der Rhetorik könne sich in wenigen Jahren nicht entwickeln: "Was heißt Argumentieren mit Multimedia?" Neue ästhetische Formen des Vortragens müssten erst gefunden werden.
Buchhinweis:
Wolfgang Coy, Claus Pias: PowerPoint. Macht und Einfluss eines Präsentationsprogramms. Fischer, 324 Seiten, 13,40 Euro.
Links:
- Claus Pias (Wissenschaftskolleg zu Berlin)
- Herbert Hrachovec
- PowerPoint. Macht und Einfluss eines Präsentationsprogramms (Fischer Verlag)