Staat kümmert sich um Jugenderziehung

Naschi gilt auch als Kaderschmiede für eine neue Generation von Staatsbeamten.
Sabotageakte, verbale Angriffe auf Kreml-Gegner, Camps, die auf "Gefahren" für das Land aufmerksam machen: Russlands Jugend gibt sich patriotisch. In staatlichen Jugendorganisationen setzt sie sich für ihr Land, vor allem aber für die Interessen der Regierung ein.

Waren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor 20 Jahren alle Blicke auf den Westen und Werte wie Demokratie und Redefreiheit gerichtet, zeigt sich in der heutigen Jugend Russlands ein radikaler Wertewandel, wie Studien und Umfragen bestätigen.

Pro Stalin
Denis Wolkow vom Moskauer Levada-Center etwa untersuchte die Einstellungen der russischen Jugend gegenüber dem Westen und deren Werte. Eine Umfrage vor wenigen Wochen zeigte, dass bereits 40 Prozent der 18- bis 24-Jährigen eine "negative" Einstellung gegenüber den USA haben.

Im Gegenzug gewinnt der frühere Diktator Josef Stalin Anhänger. Dachten um die Jahrtausendwende noch 15 Prozent der Jugendlichen "positiv" über den Ex-Sowjetführer, waren es in der jüngsten Umfrage bereits 25 Prozent.

Generation der "zahmen Hunde"
"Die Generation, die während der Ära (Wladimir) Putin aufwuchs, hat eine völlig andere Einstellung. Moderne Pro-Kreml-Jugendgruppen sind so gut vom Staat geführt, dass sie treu wurden wie zahme Hunde", sagte Maria Lipman vom Carnegie Moscow Center im Interview mit dem US-Magazin "Newsweek". Eine Konsequenz sei, dass diese Generation jedem misstraue, der anders denke.

Zurückzuführen ist diese Entwicklung laut Beobachtern auf die seit einer Dekade andauernde anti-westliche Propaganda des Kreml.

Warnung vor liberalen Reformen
Chefideologe Wladislaw Surkow spielte dabei eine wichtige Rolle. Er war bereits unter der Präsidentschaft Putins Berater im Kreml und berät nun nach dem Machtwechsel 2008 auch dessen Nachfolger Dimitri Medwedew. Erst vor wenigen Wochen warnte Surkow vor liberalen Reformen in Russland.

Mehr Demokratie führe zu Instabilität, und das lähme die wirtschaftliche Entwicklung, betonte er. Diese Doktrin spielt auch in der Jugendarbeit eine wichtige Rolle.

Geheimdienst zur Jugenderziehung
Vor kurzem kündigte auch der Inlandsgeheimdienst FSB an, künftig einen Teil der Jugenderziehung von den gesellschaftlichen Organisationen übernehmen zu wollen. Es gehe darum, Jugendliche zu patriotischen Staatsbürgern zu erziehen.

Mit der Gründung von Jugendorganisationen wie Naschi ("Die Unseren") hatte der Kreml seit 2005 auf die friedlichen Revolutionen in Georgien, der Ukraine und Kirgistan reagiert. Dort setzten sich vor allem junge Menschen für einen Machtwechsel ein. Moskau befürchtete ein Übergreifen der Bewegungen auf Russland.

Stolze Patrioten
Die Maßnahmen zeigten Wirkung, wie Lipman feststellte: "Junge Russen sind zynische Menschen, die glauben, dass Russland von Feinden umgeben ist und der Westen nicht will, dass Russland stärker wird." Jeder unter 25-Jährige sei "ein stolzer Patriot mit einer Abneigung gegen den Westen", so Lipman.

Stimmen und Maßnahmen, die sich gegen Russland wenden könnten, werden abgelehnt und bekämpft. Der Wohnsitz des Journalisten und ehemaligen UdSSR-Dissidenten Alexander Podrabinek etwa wurde tagelang belagert. Naschi-Mitglieder warfen ihm vor, einen "anti-sowjetischen Artikel" geschrieben zu haben.

Rückfall in "finstere Sowjetzeiten"
Die Kreml-Beraterin Ella Pamfilowa sieht bei den meisten Mitgliedern der staatlichen Jugendorganisationen eine "Haltung aus dem Kalten Krieg". Die Menschenrechtsbeauftragte des Kreml distanzierte sich mitterweile von den Naschi-Aktionen wie der "Hetzjagd" auf Podrabinek und warnte vor einem Rückfall in "finstere Sowjetzeiten" und der politischen Verfolgung Andersdenkender.

Putins Partei Geeintes Russland forderte nach dieser Kritik die Absetzung Pamfilowas. Beobachter sehen den Streit aber auch als Kampf der Machtlager um Premier Putin und Präsident Medwedew. Keiner der beiden schloss eine Kandidatur für die Präsidentenwahl 2012 bisher aus.

Einsatz mit Karrierebewusstsein
Obwohl die Zahl der Mitglieder seit einigen Monaten rückläufig ist - im vergangenen Jahr zählte Naschi etwa 100.000 Unterstützer -, genießen die Jugendorganisationen nach wie vor Popularität. Tausende Menschen folgten Anfang November ihrem Aufruf, die Feierlichkeiten zum Tag der Einheit des Volkes zu begehen.

Mitverantwortlich für die Anziehungskraft der staatlichen Jugendorganisationen sind auch die Karrieremöglichkeiten. Denn vom Kreml initiierte Projekte gelten als bester Weg, in staatlichen Unternehmen beruflichen Erfolg zu haben.

Neue Kaderschmiede
"Unsere Leute sind schon im Staatsapparat und in den größten russischen Unternehmen", lockt Naschi etwa auf der Website. Nach dem Vorbild der ehemaligen Sowjetjugend Komsomol gilt eine Mitgliedschaft bei Naschi auch als Starthilfe für eine Karriere in der Politik.

Die Bewegung hat den Oligarchen, die unter Putins Vorgänger Boris Jelzin illegal zu Vermögen gekommen seien, den Kampf angesagt. Als "Kaderschmiede" für eine neue Generation von Staatsbeamten will sie vor allem den alten bürokratischen Verwaltungsapparat ersetzen.

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