Camerons Büchse der Pandora

Mit "Avatar" dringt Hollywoods Feldmarschall in bisher nie da gewesene Dimensionen der Filmproduktion.
Auf der Liste der teuersten Filme aller Zeiten steht "Avatar" nur auf Platz drei hinter "Spider-Man 3" und der jüngsten "Harry Potter"-Episode. Und doch ist James Camerons neues Science-Fiction-Epos in 3-D, offiziell mit einem Budget von 237 Millionen US-Dollar versehen, vermutlich das größte Glücksspiel, das es in Hollywood je gab.

Milliardenpoker
Genau zwölf Jahre ist es her, dass Cameron mit seinem letzten Spielfilm "Titanic" erst reihenweise Budgetvorgaben überschritten und dann mit Kinoeinnahmen von (nicht inflationsbereinigten) 1,8 Mrd. Dollar für den größten Filmerfolg aller Zeiten gesorgt hatte.

Doch bei "Avatar", der am 17. Dezember anläuft, ist alles anders - zuallererst in Sachen Geld. Seit die "New York Times" ("NYT") vor kurzem enthüllte, dass es in Wahrheit um Gesamtkosten von 500 Millionen Dollar geht, ist Branche und Fans erst so richtig bewusst geworden, was auf dem Spiel steht.

Liebe und Action auf Pandora
Denn während "Titanic" noch auf den liebsten Aktivposten aller Hollywood-Manager setzte - eine schon vor Filmstart etablierte "Marke" mit hohem Wiedererkennungseffekt -, ist "Avatar" eine komplett neue Geschichte - noch dazu ohne besonders zugkräftige Stars und stattdessen mit sonderbaren blauen Aliens, über deren Publikumswirksamkeit bisher nur spekuliert werden kann.

Im Mittelpunkt steht der ehemalige Soldat Jake, der nach einer Querschnittslähmung zum exotischen Planeten Pandora reist und in einem künstlichen Alienkörper die Ureinwohner des Planeten unterwandern soll, sich aber in eines der grazilen Dreimetergeschöpfe verliebt. Die Idee soll Cameron mindestens zehn Jahre beschäftigt haben, erst jetzt sei die Umsetzung technisch möglich gewesen, heißt es.

Cameron als großer Innovator
Zu den offiziellen 237 Millionen Dollar, die das Filmstudio 20th Century Fox für "Avatar" angibt und die angeblich zu 60 Prozent von Investmentfirmen getragen werden sollen, kommen laut "NYT" beträchtliche Ausgaben von Cameron selbst und Zuschüsse verschiedener Unterhaltungselektronikfirmen wie Panasonic.

"Avatar" trägt neben der finanziellen eine noch größere Last auf seinen Schultern: Cameron, der sich mit all seinen Filmen als rastloser Innovator und detailverliebter Technikfreak etabliert hat, soll damit das komplette Unterhaltungsbusiness verändern - die Art, wie Filme gedreht werden, und die Art, wie Endkunden sie konsumieren.

3-D überall
"Avatar" soll jener Film sein, der die aktuelle 3-D-Welle in den Kinos endgültig und unaufhaltsam ins Rollen bringt. Er soll 3-D auch im Heimkinobereich popularisieren. Cameron war angeblich bei Panasonic in die Entwicklung entsprechender Fernseher eingebunden.

Für die Branche ist vor allem wichtig, dass Cameron und sein Technikteam über Jahre hinweg ein neues Kamerasystem für "Avatar" entwickelt haben, das 3-D-Dreharbeiten revolutionieren soll.

Realistische Augenbewegungen
Dazu kommen etliche andere Innovationen: Um computergenerierte Figuren realistischer wirken zu lassen, erfasst Cameron per Motion Capturing nicht nur Bewegungen durch echte Schauspieler, sondern brachte auch Minikameras an deren Köpfen an, damit ihre Augenbewegungen digital nachgebaut werden können.

Allein in die Forschung und Entwicklung im Kamera- und Digitalbereich investierte Cameron selbst laut "NYT" 14 Millionen Dollar.

Wie lang kann sich "Avatar" halten?
Ein Totalflop wird "Avatar" wohl kaum werden - dafür ist beim Publikum die Neugier zu groß, was Cameron nach so langer Pause und mit so großem Aufwand auf die Leinwand zauberte.

Doch seit "Titanic" veränderte sich auch ein wichtiger Erfolgsfaktor bedeutend: Mundpropaganda und der Schneeballeffekt. Ob sich "Avatar" nach dem Start längerfristig halten kann oder total abstürzt, darüber entscheidet das Publikum via SMS, Twitter und Facebook schneller denn je.

Skepsis und Begeisterung
Wie unterschiedlich die Seher auf den Film reagieren und wie schwierig es ist, die öffentliche Meinung im Web in eine Richtung zu lenken, musste Fox schon vor einigen Wochen feststellen, als das Studio den großen "Avatar Day" ausrief. Erste Ausschnitte im Web wurden sogar von hartgesottenen Cameron-Fans mit Skepsis aufgenommen.

Journalisten, denen eine 15-minütige 3-D-Sequenz in Kinos gezeigt wurde, reagierten hingegen begeistert. Der "Daily Telegraph" nahm "Avatar" allein auf Basis des Ausschnitts sogar schon in seine gerade veröffentlichte Liste der "einflussreichsten Filme des Jahrzehnts" auf.

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