"Wir müssen sichergehen, dass das Endergebnis nicht wie eine demütigende Niederlage aussieht." Dieser Satz stammt aber nicht von einem derzeitigen Regierungschef oder Präsidenten.
Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow sagte ihn im Juni 1986. Das Dilemma sei, so viele Menschen in Afghanistan verloren zu haben, nur um dann doch alles aufzugeben. "Kurz gesagt, wir müssen dort raus." Doch das ist nicht die einzige Parallele zwischen dem sowjetisch-afghanischen Krieg von 1979 bis 1989 und der heutigen Situation.
"Blutende Wunde"
Schon 1985 beschloss die Sowjetführung wegen der enormen Verluste gegen die Mudschaheddin ("Gotteskrieger") und der immer kleiner werdenden Aussichten auf Erfolg den Abzug aus dem Land. Doch sollte dieses Unterfangen noch vier Jahre dauern.
Auch damals versuchte man, sich irgendwie ohne allzu großes Schlamassel aus der Affäre zu ziehen und sich doch noch Einfluss zu sichern. Funktioniert hat es kaum. Gorbatschow nannte die Intervention später eine gigantische Fehlkalkulation und eine "blutige Wunde".
Dossier einen Tag nach US-Angriff
Die USA müssten davon eigentlich gewarnt gewesen sein: Vom 8. Oktober 2001 datiert ein US-Dossier mit dem Titel "Afghanistan: Lektionen aus dem letzten Krieg. Die sowjetischen Erfahrungen in Afghanistan. Russische Dokumente und Erinnerungen", das auch Transkripte von Strategiebesprechungen im Moskauer Politbüro enthält. Einen Tag zuvor hatte der US-Angriff begonnen.
Dennoch machten die USA dieselben Fehler, wie die mittlerweile im Internet frei zugänglichen Dokumente des National Security Archive zeigen.
Ähnliche Stategie
Freilich hatten die Sowjets damals auch noch mit dem Problem zu kämpfen, dass die islamischen Rebellen von den USA massiv mit Waffen unterstützt wurden, woran die die BBC erinnerte. Die Strategien ähnelten aber denen von heute: In den späten 80ern versuchte man, eine verbündete Regierung in Kabul und eine afghanische Armee, die diese auch verteidigt, zu installieren, um sich dann zurückziehen zu können.
Nur Zentrum unter Kontrolle
Was heute Präsident Hamid Karzai ist, war damals Mohammed Najibullah. Doch auch seine Legitimität und Autorität war mehr oder weniger auf Kabul beschränkt. Im November 1986 sagte Marschall Sergej Achromejew bei einer Politbürositzung zu Gorbatschow: "Es gibt kein Stück Land, das nicht von einem sowjetischen Soldaten erobert worden wäre. Trotzdem ist der Großteil des Territoriums in der Hand der Rebellen."
Das große Problem sei, dass den militärischen Erfolgen keine politischen folgen würden. Es gelinge - abgesehen von Kabul und den Provinzhauptstädten - nicht, Obrigkeiten zu etablieren. "Das Zentrum ist unter Kontrolle, die Provinzen sind es nicht", so Achromejew. "Wir haben die Schlacht um das afghanische Volk verloren. Die Regierung wird nur von einer Minderheit der Bevölkerung unterstützt."
"Opposition einbinden"
Auch andere Strategien überlegten die Sowjets: Staatsoberhaupt Andrej Gromyko schlug in einer Sitzung vor, Oppositionsangehörige in die Regierung zu integrieren. Man müsse nur die richtigen finden.
Genau dieselbe Ideen hatten auch die US-Militärs: Aber ausgerechnet Warlords, nach denen man als Terroristen fahndet, dann als politische Hoffnungsträger zu präsentieren konnten sich die USA doch nicht leisten.
Andererseits fand sich bisher auch kein Oppositioneller - nicht einmal der bei der Präsidentschaftswahl unterlegene Ex-Außenminister Abdullah Abdullah -, der mit Karzai den Kabinettstisch teilen wollte. Den Sowjets ging es vor über 20 Jahren genauso.
Hilfsgelder versickerten
Und auch die Idee, mit zivilem Aufbau und finanziellen Zuwendungen die Sympathie der Bevölkerung zu gewinnen, schlug damals aufgrund der Korruption dramatisch fehl: Marschall Sergej Sokolow sagte 1987 nach einer Geldforderung aus Kabul in einer Politbürositzung, man habe 1981 100 Millionen Rubel in das Land gepumpt. Doch alles gelangte in die Hände der Elite, in den Dörfern kam nichts davon an.
Zumindest die Lektion, dass finanzielle Hilfen auch in der Bevölkerung ankommen müssen und der Korruption der Kampf angesagt werden muss, hat man heute - theoretisch - gelernt.
Auch Armee konnte nichts ändern
1986 hatte die Sowjetunion bereits eine 160.000 Mann starke afghanische Armee aufgebaut, doppelt so stark wie die NATO derzeit. Trotzdem: Nachdem die Sowjets 1989 das Land verlassen hatten, konnte sie gerade Kabul und ein paar andere Städte für einige Zeit verteidigen. Und nur weil die Mudschaheddin intern zerstritten waren, blieb Najibullah drei Jahre in Kabul Präsident, ehe er endgültig gestürzt wurde.
Neuerliches Scheitern droht
"Wir sind mit einer ehrenhaften Aufgabe und mit offenen Herzen hierhergekommen", sagte Politoffizier Generalmajor Lew Serebrow vom sowjetischen Oberkommando angesichts des beschlossenen Abzugs 1988. "Jetzt ziehen wir mit dem Gefühl ab, unsere Aufgabe nicht bis zum Ende erfüllt zu haben."
Ein ähnliches Schicksal droht dem Westen. Davor hat auch der russische Präsident Dimitri Medwedew bereits gewarnt: "Hilft die westliche Allianz Afghanistan nicht, einen funktionierenden Staat aufzubauen, gibt es nie Stabilität - wie viele ausländische Truppen man auch immer dorthin bringt", sagte er.
Christian Körber, ORF.at
Links:
- Afganistan: Lessons from the Last War (National Security Archive)
- BBC-Bericht