Teheran warnt Riad

Ein lokaler Konflikt - mit möglichen Folgen für die gesamte Region.
Von der touristischen Idylle ist im Jemen derzeit wenig zu spüren. Von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt ist in dem Land an der Südspitze der arabischen Halbinsel eine neue Front gegen militante Islamisten voll aufgebrochen.

Nicht nur hat sich die Terrorgruppe Al-Kaida dort reorganisiert und verstärkt - auch der Konflikt der jemenitischen Armee mit schiitischen Aufständischen spitzt sich immer gefährlicher zu.

Mittlerweile hat sich auch der Nachbar Saudi-Arabien massiv eingeschaltet: Um ein Überschwappen der Unruhen auf die eigene schiitische Minderheit zu verhindern, brachte das sunnitische Königshaus seine Armee gegen die schiitischen Kämpfer um den jemenitischen Rebellenführer Abdulmalik al-Huthi in Stellung.

Mit Kampfjets und Panzern
Seitdem die Aufständischen - laut Angaben aus Riad - auf saudisches Gebiet vorgedrungen sind und dort einen Soldaten getötet haben, schlägt die saudische Armee zurück. Mit Kampfjets bombardierte sie das Stammesgebiet an der Grenze und soll sogar mit Panzern vorgedrungen sein.

Mehrere saudische Dörfer in Grenznähe wurden geräumt und das gesamte Gebiet zur militärischen Sperrzone erklärt. Trotzdem soll es den Aufständischen gelungen sein, mehrere saudische Soldaten zu töten und weitere zu entführen.

Vorwürfe an den Iran
Saudi-Arabien und die jemenitische Zentralregierung von Präsident Ali Abdullah Salih werfen dem Iran vor, die "gläubige Jugend", wie sich die schiitischen Kämpfer nennen, mit Waffen und Ausbildnern zu unterstützen. Der Iran wolle - neben dem Libanon und dem Gazastreifen - im Jemen einen weiteren Stellvertreterkrieg im Ringen um Einfluss in der islamischen Welt führen, lautet der Vorwurf. Teheran bestreitet das.

Erst im Sommer hatte die jemenitische Marine jedoch ein Schiff aufgebracht. Es hatte laut Regierungsangaben Waffen - darunter Raketen - für die Huthi-Rebellen geladen. Saudi-Arabien verhängte nun eine Seeblockade über die Küste des Jemen, um weitere Waffenlieferungen zu verhindern.

Teheran warnt Riad
Teheran, das sich mit Saudi-Arabien ein zähes Ringen um Macht und Einfluss am Persischen Golf und in der islamischen Welt insgesamt liefert, will aber offenbar nicht zurückstecken: Der Iran warnte die Länder der Region davor, sich in die inneren Angelegenheiten des Jemen einzumischen. "Wer Öl ins Feuer gießt, muss wissen, dass er vom Rauch nicht verschont bleiben wird", sagte der iranische Außenminister Manuschir Mottaki.

Angst vor "sicherem Hafen"
Saudi-Arabien will verhindern, dass direkt an seiner Grenze ein "sicherer Hafen" für schiitische Islamisten und Terroristen entsteht, die möglicherweise noch von Teheran gesteuert werden.

Gottesstaat als Ziel?
Jemens schwache Zentralregierung will die "gläubige Jugend" vollständig entwaffnen. Durch die Kämpfe starben bereits Hunderte Rebellen, Soldaten und Zivilisten. Zehntausende Menschen flohen vor den Auseinandersetzungen. Der Konflikt schwelt schon seit fünf Jahren - mehrere Abkommen und Waffenstillstände waren nur von kurzer Dauer.

Die jemenitische Führung unter Präsident Salih behauptet, die Rebellen wollten im Jemen einen schiitischen Gottesstaat errichten. Sanaa reiht die blutige Auseinandersetzung in der nordwestlichen Provinz Saada bewusst in den internationalen Kampf gegen den Terror ein. Von den USA gibt es finanzielle und logistische Unterstützung.

Die Hintergründe des Konflikts
Nach Ansicht der International Crisis Group (ICG) hat der Konflikt seine Wurzeln jedoch in lokalen religiösen, vor allem aber sozialen und wirtschaftlichen Problemen.

Die schiitische Strömung, der die Huthis, wie sie sich selbst nennen, anhängen, gilt als vergleichsweise gemäßigt und der sunnitischen Richtung näherstehend als der radikalen Schia-Strömung im Iran und Irak.

Nach der Revolution im Jemen, die 1962 das mehr als ein Jahrtausend alte haschemitische Imamat beendete, musste die bisher herrschende Minderheit zahlreiche Benachteiligungen hinnehmen. Die gesamte Region wurde jahrzehntelang vernachlässigt - was die Unzufriedenheit mit der Regierung erhöhte.

Kämpfe als Geschäft
Mittlerweile hat sich der Konflikt verfestigt:
Längst sind auf beiden Seiten lokale Stammesmilizen als Söldner engagiert und erschweren dadurch eine Lösung. Laut ICG entwickelte sich auch eine eigene Kriegswirtschaft - insbesondere der Waffenhandel ist für mehrere Stämme ein lukratives Geschäft. Auch das Militär profitiert wirtschaftlich von der Auseindersetzung, in der ganze Dörfer zerstört wurden.

"Teheran lacht"
Joost Hiltermann von der ICG hält die Rolle des Iran jedoch für übertrieben. Gegenüber dem Christian Science Monitor betonte Hiltermann, Teheran lache vermutlich über die Berichte - und mache sie sich zugleich zunutze, um die Saudis zu ärgern. Unabhängige Bericht über die aktuelle Lage gibt es jedenfalls nicht, denn Journalisten haben keinen Zugang zu dem bergigen Kampfgebiet an der saudischen Grenze.

Afghanistan-Schicksal droht
Letztlich ist die Frage, ob es sich um einen rein lokalen Konflikt handelt oder der Iran seine Hände im Spiel hat, zweitrangig: Eine weitere Destabilisierung des Jemen hätte in jedem Fall schwerwiegende Folgen.

Denn das Fehlen einer funktionierenden Zentralgewalt sowie schwieriges geografisches Terrain sind die beiden wichtigsten Bedingungen, um zum Anziehungspunkt für islamistische Terroristen zu werden - ähnlich wie Afghanistan, Pakistan und Somalia.

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