"Sofort ... unverzüglich"

Schwabowskis Zettel und der Anfang vom endgültigen Ende der DDR.
Ein Zettel, ein zweiseitiges Papier und einiges an Verwirrung: Das hat die DDR in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 endgültig ins Trudeln gebracht.

Als sich Günter Schabowski, SED-Politbüromitglied und Informationssekretär des Zentralkomitees (ZK), am Abend des 9. November 1989 auf den Weg zu einer internationalen Pressekonferenz machte, hatte er ein Dokument bei sich. Es war ihm von SED-Generalsekretär Egon Krenz in die Hand gedrückt worden. "Gib das bekannt. Das wird ein Knüller für uns", soll Krenz gesagt haben.

Kein endgültiger Beschluss
Doch das Dokument mit den neuen Bestimmungen zur Reisefreiheit für DDR-Bürger war offenbar nur eine Vorlage der Regierung, kein endgültiger Beschluss. Seither ranken sich viele Gerüchte um jenen Zettel, den Schabowski dabeigehabt haben soll. Auffindbar ist er nicht mehr.

Schabowski wusste auch nichts von einer Sperrfrist für die neue DDR-Reiseverordnung, mit der "Privatreisen nach dem Ausland" möglich werden sollten.

Die Maueröffnung stand erst für den 10. November um 4.00 Uhr auf dem Plan. Doch wie eine neue Fernsehdokumentation der ARD zeigte, war das Vorgehen Schabowskis an jenem Tag alles andere als koordiniert. Um Stunden zu früh verkündete der in seinen Papieren wühlende Schabowski die Öffnung der Grenzen der DDR zur BRD.

Riccardo Ehrman fragte nach
©Bild: APA/EPA/DPA-Zentralbild
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Es war schließlich 18.53 Uhr, als Schabowski bei der Pressekonferenz stockend und fast konfus sagte: "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort ... unverzüglich." Der italienische Journalist Riccardo Ehrman hatte gefragt, wann die Erleichterungen in Kraft treten würden - Mauerfall also halb aus Versehen oder inszenierter Plan?

Krenz ist noch immer wütend auf seinen einstigen Mitstreiter Schabowski - der habe die Grenzöffnung zu früh und allein herausposaunt. Erst am 10. November hätten die Posten die Grenzen per Befehl öffnen sollen. Diese Darstellung weist der einstige Medienprofi Schabowski zurück.

Journalist bekam Tipp von SED-Mann
Auch Ehrman pocht auf seinen Geschichtsanteil: Ein SED-Mann - ausgerechnet der Chef der staatlichen Nachrichtenagentur, Günther Pötschke - habe ihm damals den Tipp für die Frage zur Reisefreiheit gegeben; sie sei keineswegs ein Zufall gewesen. Im April dieses Jahres brachte eine Dokumentation des MDR diesen Aspekt aufs Tapet.

Als die Ereignisse in Gang kamen
Noch am 7. Oktober hatte die Führungsriege mit Erich Honecker an der Spitze ungerührt mit Militärparade und Fackelzug den 40. Jahrestag der DDR gefeiert. Der sowjetische Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow warnte den reformunwilligen Honecker sinngemäß: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

Da hatten schon Zehntausende die DDR verlassen, von Woche zu Woche wurden die Protestdemonstrationen größer, die Forderungen nach Demokratie trotz Repressalien und Festnahmen immer lauter.

Volk glaubte nicht an "Wende"
Doch auch die Mitte Oktober nach dem Sturz Honeckers an die Macht gekommene Elite unter Krenz unterschätzte das Volk gründlich. Viele Menschen wollten sich mit den "Wende"-Ankündigungen der SED-Führung nicht mehr abspeisen lassen, glaubten nicht an Reformen.

Mit der Erlaubnis von Auslandsreisen sollte die DDR gerettet werden, sagte Schabowski später. Doch die DDR-Bürger übernahmen an jenem 9. November die Macht auf der Straße.

Grenzposten mussten improvisieren
Die Grenzposten der DDR mussten improvisieren. Über die live übertragene Presskonferenz Schabowskis hatte sich die Öffnung der Grenzen wie ein Lauffeuer verbreitet, im Bundestag der damaligen BRD hatte knapp nach 19.00 Uhr ein Großteil der Abgeordneten nach Bekanntwerden der Meldung die Nationalhymne angestimmt - und schließlich zogen viele zum Brandenburger Tor.

Dass die überraschten Grenzposten, die offiziell keine Anweisungen erhalten hatten, nicht schossen und alles friedlich blieb, empfanden viele als Wunder.

Auch Krenz schließlich für Öffnung
©Bild: AP/Udo Weitz
©Bild: AP/Udo Weitz
Krenz, der um 21.00 Uhr unterrichtet wurde, dass mehrere hundert Menschen an der Grenze die Ausreise verlangten, plädierte dafür, sie durchzulassen. Die Öffnung der Mauer - und der Kollaps der DDR - war nicht zu verhindern. Was folgte, waren Tage des Ausnahmezustands voll Jubel und Euphorie.

West und Ost, so viel wurde in der Nacht des 9. auf den 10. November 1989 deutlich, waren auf den Fall der Mauer nicht vorbereitet. Die Befreiung Osteuropas vom Kommunismus war zum Greifen nahe. Für Großbritannien und Frankreich stand aber auch ein neues Schreckgespenst im Raum: ein großes, wiedervereintes Deutschland. Was danach folgte, war ein schwieriger Weg zur deutschen Einheit, den viele in Deutschland selbst noch lange nicht für vollendet halten, auch wenn mittlerweile eine Generation nach der Wende herangewachsen ist.

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