Bildung statt Panzer

Studien zeigen Vorteile der Gleichstellung für Volkswirtschaft auf.
Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist nicht nur menschlich und gesellschaftlich, sondern auch wirtschaftlich von enormer Bedeutung. Eine schwedische Studie kommt zu dem Schluss, dass eine völlige Gleichstellung beider Geschlechter das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in den EU-Mitgliedsländern um bis zu 45 Prozent steigern könnte. In Österreich, so die Studie, wäre immerhin eine 32-prozentige Steigerung des BIP-Wachstums möglich.

Tausende Euro pro Kopf mehr
Theoretisch wären damit EU-weit 6.800 Euro mehr pro Kopf erreichbar. Und selbst wenn das tatsächlich Machbare damit um 20 bis 25 Prozent überschätzt würde, käme man demnach immer noch auf einen Pro-Kopf-Betrag von 5.000 Euro, so die Studienautorin. Die Daten der Studie, die nun bei einer EU-Konferenz in Stockholm präsentiert und diskutiert wird, beziehen sich auf das Jahr 2007.

Die vom EU-Vorsitzland Schweden organisierte Konferenz ist Teil der Vorbereitung einer Wachstums- und Arbeitsmarktstrategie für die EU nach dem Auslaufen des Lissabon-Prozesses 2010.

Verhältnis BIP und Gleichstellung
Für den zuständigen EU-Kommissar Viktor Spidla ist die Gleichstellung eine wichtige Bedingung für langfristiges Wirtschaftswachstum. Spidla betonte vorab in einer Aussendung, dass es in vielen Ländern eine klare Verbindung zwischen hohem Pro-Kopf-BIP und stärkerer Einbindung von Frauen und Männern in den Arbeitsmarkt gebe.

"Jene Länder mit der höchsten Frauenbeschäftigungsrate und mehr Frauen in Toppositionen sind oft wirtschaftlich am stärksten", so Spidla unter Berufung ein Grundlagenpapier, das im Auftrag der Kommission erstellt wurde.

Nicht Belastung, sondern Chance
Grundsätzlich sei ein Umdenken erforderlich, so das im Brüsseler Auftrag erstellte Grundlagenpapier. Denn Gleichstellung sei zwar weithin als erstrebenswertes Ziel anerkannt - befürchtet würden aber Kosten, ja sogar eine negative Beeinträchtigung der Konjunktur.

Öffentlich werde diese Haltung zwar meist nicht postuliert, doch bei politischen Entscheidungen komme sie sehr wohl zum Tragen: Etwa werde, wenn es um mehr Wachstum oder Jobs gehe, Gleichstellung rasch als zweitrangig betrachtet und verschoben. Doch - wie nicht zuletzt die schwedische Studie zeigt - sei es durchaus möglich, Gleichstellung nicht nur als sozial wünschenswert, sondern auch als ökonomisch sinnvolles, sprich rentables Investment zu sehen.

Was getan werden muss
Auf mehreren Wegen kann Frauengleichstellung demnach das Wirtschaftswachstum beflügeln: Zunächst dadurch, dass mehr Frauen in Beschäftigung gebracht werden und dieses "Humankapital" besser genutzt wird. Damit gemeint ist im Klartext eine höhere Produktivität von Frauen durch eine bessere Ausbildung.

Eine größere ökonomische Unabhängigkeit von Frauen bedeute aber auch, dass diese mehr konsumieren.

Und so wie Schwarzarbeit bedeutet auch das langjährige Zu-Hause-Bleiben von Müttern zwecks Kinderbetreuung einen Entgang für den Fiskus und die Sozialversicherungssysteme. Eine Studie der Deutschen Bundesbank zeigte bereits 2002, dass die Kosten für Kinderbetreuungsplätze weit unter den Einnahmen aus Steuern und Abgaben liegen.

Kein Gegensatz
Das EU-Grundsatzpapier rüttelt zudem an der weitverbreiteten Annahme, dass hohe Frauenbeschäftigung die Geburtenrate drückt. Das Gegenteil sei der Fall: Mehr Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt, im staatlichen Wohlfahrtssystem und in den Haushalten könne - selbst bei einer höheren Beschäftigungsquote - zu mehr Geburten führen.

Unterschiede weiter riesig
Laut Brüssel wurde EU-weit die Frauenbeschäftigungsquote binnen zehn Jahren von 52 Prozent auf 59,1 Prozent gesteigert (1998-2008).

Doch im Vergleich mit Männern klafft weiter eine riesige Lücke: Nicht nur stehen 13,7 Prozent mehr Männer in Beschäftigung, auch der qualitative Unterschied (Höhe der Bezahlung, Verteilung der Führungspositionen und das Verhältnis von Voll- und Teilzeit) ist enorm.

Nötige Voraussetzungen
Die schwedische Studie verweist auf Grundvoraussetzungen, um das ökonomische Potenzial heben zu können. Allem voran wird darin auf die nötige Infrastruktur, also Kinderbetreuung, hingewiesen. Genauso wichtig werde es aber sein, auch die Pflege Älterer zu organisieren. Sonst bestehe die Gefahr, dass Frauen mit diesem Problem allein gelassen würden.

Politische Machtteilung
Nicht zuletzt wird das Verhältnis von BIP-Steigerung und der Präsenz von Frauen im Parlament hingewiesen: Je höher das BIP in EU-Ländern, desto höher seien die Frauenbeschäftigungsquote und der Anteil von Frauen im Parlament.

Auch wenn die kausalen Zusammenhänge nicht völlig klar seien, geht das EU-Grundsatzpapier doch davon aus, dass die ausgewogene politische Machtteilung nach Geschlechtern ein wichtiger Faktor ist - und zitiert einen Leitartikel des "Economist" aus dem Jahr 2006: "Mehr Frauen in der Regierung könnten auch das Wirtschaftswachstum ankurbeln: Studien zeigen, dass Frauen eher dazu neigen, Geld für eine bessere Gesundheitsversorgung, Bildung, Infrastruktur und Bekämpfung der Armut ausgeben - und weniger dazu, es an Panzer und Waffen zu verschwenden."

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