Die Arbeitslosigkeit in den OECD-Ländern könnte im zweiten Halbjahr 2010 auf das Allzeithoch von fast zehn Prozent - 57 Millionen Betroffene - steigen, wenn die hauseigenen Prognosen über die Wirtschaftsentwicklung eintreffen, schreibt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem am Mittwoch veröffentlichten Beschäftigungsbericht.
Dann wären Ende 2010 um 25 Millionen Menschen mehr von Arbeitslosigkeit betroffen als 2007. Damals hatte die Arbeitslosigkeit mit 5,6 Prozent den Tiefststand seit 25 Jahren erreicht. Im Juni 2009 war mit 8,3 Prozent der höchste Stand seit dem Zweiten Weltkrieg erreicht.
"Höchstwert heuer nicht erreicht"
"Der Arbeitsmarkt hinkt der wirtschaftlichen Entwicklung hinterher", sagte Hedwig Lutz, Arbeitsmarktexpertin des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO), gegenüber ORF.at.
Es brauche Zeit, bis die wirtschaftliche Verlangsamung alle Bereiche erfasst habe. Daher steige die Arbeitslosigkeit, selbst wenn sich wieder eine wirtschaftliche Erholung andeute. "Für heuer ist der Höhepunkt noch nicht erreicht", betonte Lutz.
Die Expertin erwartet erst ab 2012 einen substanziellen Rückgang der Arbeitslosigkeit. Bisher habe es noch keine vergleichbare Situation seit der Nachkriegszeit gegeben. "Dieser Wachstumseinbruch ist einzigartig." Aber auch die gegensteuernden konjunkturellen Maßnahmen seien ein Spezifikum der derzeitigen Wirtschaftskrise.
Konjunkturpakete verhinderten Schlimmeres
Denn auch die OECD ist überzeugt: Hätten die Mitgliedsländer nicht mit Konjunkturpaketen eingegriffen, wäre die Situation noch schlimmer. 3,2 bis 5,5 Millionen Jobs wurden damit abgesichert, das entspreche 0,8 bis 1,4 Prozent mehr Beschäftigung, schätzt die OECD. Die Arbeitslosigkeit sei in der Rezession nicht so stark gestiegen, wie zunächst befürchtet worden war.
In den meisten Staaten hätten aber automatische Stabilisatoren mehr zur Stützung der Konjunktur und Beschäftigung beigetragen als die Fiskalpakete.
Jugendliche mit größtem Risiko
Die Tendenzen der letzten Prognosen und Arbeitsmarktstatistiken bestätigt auch der aktuelle OECD-Bericht. Am stärksten betroffen waren Menschen, die schon bisher auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt waren: Jugendliche, Immigranten, Wenigqualifizierte und Zeitarbeiter.
Nun sei eines der größten Risiken, dass der kurzfristige Anstieg zu einer strukturellen Arbeitslosigkeit wird, wenn viele Beschäftigungslose zu Langzeitarbeitslosen werden oder aus dem Arbeitsmarkt aussteigen.
Schwierige Prognosen
IHS-Chef Bernhard Felderer erwartet für das kommende halbe Jahr einen Anstieg der Arbeitslosigkeit und der Firmenpleiten. Er sieht für die Herbstmonate eine Stabilisierung der Wirtschaft, aber noch keine echte Erholung: "Ob es Wachstum im Herbst geben wird: Da bin ich aus heutiger Sicht eher skeptisch."
"Versuchung Frühpension widerstehen"
Die OECD-Staaten sollten gewährleisten, dass der Arbeitsmarkt lebendig bleibt, und "der Versuchung widerstehen, Wege zur Frühpension und zu Invaliditätspensionen zu eröffnen", heißt es in dem Bericht. Das habe sich in der Vergangenheit als Fehler erwiesen, der nur noch schwer zu korrigieren sei, und "sollte nicht wiederholt werden".
Auch müsse verhindert werden, dass nach der Krise die hohe Abhängigkeit von Sozialleistungen bestehen bleibt. Die OECD mahnt vor allem, dass Kurzarbeit nicht zu einem Hindernis für den Aufschwung werden dürfe, "vor allem, wenn wirtschaftlich nicht überlebensfähige Unternehmen zu lange alimentiert werden".
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