"Sprache sprechen, die verstanden wird"

Aufgabe "spannend und herausfordernd". "Niemals" Zusammenarbeit mit "FPÖ und Ableger BZÖ".
Die stellvertretende Bundessprecherin der Grünen, Maria Vassilakou, will die kommenden Monate dazu nutzen, das politische Profil ihrer Partei zu schärfen.

"Ich habe gesagt, ich würde die Kommunikation auf den Kopf stellen und unser Programm radikal erneuern", erklärte Vassilakou dazu am Dienstagabend im ORF-"Sommergespräch". Das sei auch exakt der Auftrag, den ihr die grüne Bundeschefin Eva Glawischnig (die sich derzeit in Karenz befindet, Anm.) erteilt habe.

"Sehr gut unterwegs"
Derzeit "arbeiten Menschen in ganz Österreich" an einem neuen Grundsatzprogramm, so Vassilakou, und seien dabei "sehr gut unterwegs". Ergebnisse sollen beim grünen Zukunftskongress im Herbst präsentiert werden.

Anfang September sollen unterschiedliche Ansätze auf den Tisch gelegt und anschließend breit diskutiert werden. Am Ende könne, so die grüne Interimschefin, durchaus auch etwas stehen, "womit ich nicht hundertprozentig einverstanden bin".

Fehlt es an Profil und "Biss"?
Dass es den Grünen derzeit etwas an Profil und "Biss" fehle, kritisierte die Autorin und Sängerin Erika Pluhar im ersten von insgesamt fünf (heuer neben ORF-Moderatorin Ingrid Thurnher jeweils um eine Persönlichkeit aus Kunst und Kultur erweiterten) "Sommergesprächen" auf der Seefestspielbühne im burgenländischen Mörbisch.

In ihren Anfangszeiten, so Pluhar, habe es bei den Grünen eine "mutige, brisante Stimmung" gegeben, die auch von der Bevölkerung mitgetragen worden sei.

"Politisch angepasst"
"Es ist so bissl schwammig, eure Partei", sagte Pluhar. Sie vermisse jedenfalls eine "gewisse mutige Aufmüpfigkeit" bei heute "politisch angepassten" Grünen. Sie erwarte sich dagegen "eine Kraft gegen Rechtspopulismus". Das ließ Vassilakou so nicht gelten. Ihre Partei trete für "Menschlichkeit, Weltoffenheit und Menschenrechte" ein und zeige klar auf, "wo rechtsextreme Umtriebe vorhanden sind in der Zweiten Republik, die keinen Platz haben".

"Einzige, die laut aufschreien"
Als Beispiel verwies Vassilakou auf den Fall des Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf (FPÖ). Die Grünen hatten Mitarbeitern von Graf vorgeworfen, bei rechtsextremen Versandhäusern Kunden gewesen zu sein.

Die Grünen seien die "Einzigen, die laut aufschreien, die auch nie irgendjemanden aus diesem Bereich in Ämter der Republik hinaufgehoben haben". Es seien SPÖ und ÖVP, die durch Schweigen auffallen würden. "Sie sind es, die die FPÖ salonfähig machen." Mit der "FPÖ und ihrem jüngsten Ableger in Form des BZÖ" würde ihre Partei "niemals" zusammenarbeiten, erklärte Vassilakou.

"Gespräch nicht verweigern"
Abgesehen von diesen beiden Parteien gehe es in der Demokratie darum, "das Gespräch nicht zu verweigern", und darum, "dass wir nicht abgehoben sind". Deshalb diskutiere sie auch mit Menschen, die eine völlig andere Meinung als sie hätten, "aus einer völlig anderen Welt" kämen, erklärte Vassilakou, angesprochen auf ein gemeinsames Interview mit dem Wiener Baumeister und Societylöwen Richard Lugner.

Leise Selbstkritik beim Blick zurück
Generell müssten die Grünen in Hinkunft "eine Sprache sprechen, die verstanden wird". Das sei in der Vergangenheit mehrmals nicht gelungen. Allerdings hätten die Grünen dem vor rund zehn Monaten zurückgetretenen früheren Parteichef Alexander Van der Bellen viel zu verdanken. Dieser sei jemand, der "nahezu ein Jahrzehnt lang erfolgreiche grüne Politik gemacht hat", betonte die stellvertretende Grünen-Chefin.

Zwei Kernthemen
Jeder Wechsel an der Parteispitze bedeute aber gleichzeitig einen Neubeginn. Umso mehr freue sie sich darüber, so Vassilakou, den Auftrag erhalten zu haben, in der Partei "die programmatische Neuerung" voranzutreiben, "querzudenken" und "zu schauen, wo wir Konturen brauchen". Diese Aufgabe sei "spannend und herausfordernd".

"Zeigen, wohin es gehen muss"
Als grüne Kernthemen für die Zukunft nannte sie zwei, "die den Grünen sehr am Herzen liegen". Das eine sei "die ökologische Wende in unserer Gesellschaft", das zweite "schulische Modernisierung, Bildung" - beide seien gleichermaßen Zukunftsthemen.

Die Grünen wollten hier etwas erreichen, was sozialdemokratische Bildungspolitik bisher nicht zustande gebracht habe, nämlich "bestmögliche Perspektiven". Vassilakou kann sich dazu für junge Menschen auch eine Form von Rechtsanspruch auf eine Lehrstelle oder einen gleichwertigen Ausbildungsplatz vorstellen. "Wir werden Druck machen", so Vassilakou, und "zeigen, wohin es gehen muss".

"Bürgermeisterinflation" in Wien
Ihre eigene politische Zukunft sieht die stellvertretende Grünen-Chefin weiter in Wien. "Selbstverständlich" wolle sie bei der Wahl im kommenden Jahr dort gewinnen.

"Es macht schon einen Unterschied, ob die Grünen in einer Position sind, wo sie etwas gestalten können", so Vassilakou unter Verweis auf die Vertretung der Grünen in der oberösterreichischen Landesregierung. Oberösterreich habe "buchstäblich die Nase vorn" bei einer grünen Wende in der Wirtschaft.

Auch Wien würde "sehr gut fahren" mit einem grünen Bürgermeister. "Selbstverständlich will ich gerne eines Tages Bürgermeisterin in Wien sein", so Vassilakou. Derzeit beobachte sie allerdings eine regelrechte "Bürgermeisterinflation. Es hat sich jeder, der antritt, zum Bürgermeister erklärt."

TV-Hinweis
Im zweiten "Sommergespräch" sind am Dienstag, dem 18. August, BZÖ-Obmann Josef Bucher und der Autor Michael Köhlmeier zu Gast.

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