Vitaminpillen beugen Krankheiten nicht vor

Lange Lagerung reduziert den Nährstoff- und Vitamingehalt von Obst und Gemüse.
Immer wieder wird mit unterschiedlichen Studien Alarm geschlagen, dass Obst und Gemüse über die Jahrzehnte an Nährwert und Vitaminen verloren hätten und der tägliche Grundbedarf nicht gedeckt werden könne. Stimmt nicht, sagen Ernährungswissenschaftler.

Häufig stehen Unternehmen, die Nahrungsergänzungsmittel herstellen, hinter diesen Studien. "Wenn wir zu wenige Vitamine und Nährstoffe aufnehmen, liegt das schlicht und einfach daran, dass die Ernährung nicht ausgewogen ist und wir zu wenig Obst und Gemüse essen", betonte Ernährungswissenschaftlerin Petra Rust an der Universität Wien im Interview mit ORF.at.

Zu wenige Ballaststoffe
Eine Entwicklung, die im alljährlichen Ernährungsbericht für Österreich durch Zahlen untermauert wird. Rust: "Die Österreicher nehmen zu wenige Ballaststoffe auf. Das könnte man mit Getreideprodukten und fünf Portionen - jeweils eine Handvoll - Obst und Gemüse pro Tag leicht ändern."

Nahrungsergänzungsmittel können laut Rust bei Risikogruppen sinnvoll sein, etwa bei Schwangeren und älteren Menschen, deren Absorption von Nährstoffen geringer ist. Im Normalfall sei es aber nicht notwendig, zusätzlich Vitamine und Nährstoffe aufzunehmen, meinte Rust.

Vitaminpillen wirken nicht präventiv
Wie die "New York Times" ("NYT") berichtete, zeigen langjährige Studien, dass Vitaminpillen nicht dazu beitragen, chronische Krankheiten, Krebs und Herzkrankheiten vorzubeugen. "Die öffentliche Meinung zur Wirkung von Vitaminen und Nährstoffen wird nicht von wissenschaftlichen Daten untermauert", ergänzte auch der Wissenschaftler Eric Klein im "NYT"-Interview.

Auch der Deutsche Ernährungsbericht 2004 widerlegte diese Behauptung. Darin wurden die Nährwertangaben ausgewählter Obst- und Gemüsesorten anhand von Nährwerttabellen zwischen 1954 und 2000 miteinander verglichen - mit einem eindeutigen Ergebnis: Der Gehalt an Vitaminen und Mineralstoffen blieb in den vergangenen Jahrzehnten konstant.

Was Obst und Gemüse besonders macht
Einen entscheidenden Vorsprung vor künstlich erzeugten Vitaminen und Nährstoffen haben die sekundären Pflanzeninhaltsstoffe in Gemüse und Obst. Pflanzen bilden diese Stoffe als Schutz gegen Schädlinge, zur Abwehr von Krankheiten oder als Farbstoffe. Ein Carotinoid etwa gibt den Paradeisern ihre Röte.

"Die sekundären Pflanzeninhaltsstoffe wirken in einem natürlichen Verbund. Niemand kennt die Dosis und die Auswirkungen, wenn man einen dieser Stoffe isoliert und in größeren Mengen etwa in Form von Pillen zu sich nimmt", warnte Emmerich Berghofer, Leiter der Lebensmitteltechnologie an der Universität für Bodenkultur, gegenüber ORF.at. Diese Stoffe können präventiv bei Krebsarten wirken, aber auch cholesterinsenkend und damit Herz- und Kreislaufkrankheiten vorbeugen.

Ist "Bio" gesünder?
Entscheidend ist auch der Zeitpunkt der Ernte.
Der Anteil der sekundären Pflanzeninhaltsstoffe sei höher, wenn das Gemüse oder Obst reif geerntet wird, sagte Rust. Das ist am einfachsten an der Kräftigkeit der Farbe erkennbar.

Ob der Vitamingehalt von Bioprodukten höher ist als von Produkten aus dem konventionellen Anbau, ist in der Wissenschaft allerdings umstritten. "Der Beweis dafür ist schwer", meint etwa Alexandra Hofer von der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung.

Berghofer bringt ein Argument dafür, dass die biologische Landwirtschaft gesündere Produkte hervorbringen kann, weil die Pflanze aufgrund von geringerem Düngereinsatz mehr Stress hat: "Die Pflanze muss sich wehren und produziert vermehrt sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe." Allerdings werde das oft durch klimatische und Standortfaktoren überdeckt.

Lange Transportwege problematisch
Auch Rust sieht den biologischen Anbau eher als Konzept und Philosophie: "Regionale und saisonale Produkte haben einen höheren Nährwertgehalt." Wenn es allerdings lange Transportwege gibt, würde dieses Konzept ad absurdum geführt.

"Nicht immer stammen die Bioprodukte vom Bauern aus der Umgebung", macht auch Hofer aufmerksam. Das AMA-Gütesiegel gebe Auskunft über die Länge des Transportweges - Rot stehe für Produkte aus Österreich, Schwarz verweise auf eine ausländische Herkunft.

Weniger Vitamine durch Lagerung
"Eine Tomate oder ein Apfel können nach der Ernte noch nachreifen. Aber wenn sie zu lange liegen, werden viele Nährstoffe und Vitamine wieder abgebaut", ergänzt Berghofer. Erbsen etwa verlieren bereits innerhalb eines Tages nach der Ernte 50 Prozent ihres Vitamingehalts.

Je länger die Produkte in Supermärkten oder zu Hause gelagert sind - vor allem nicht gekühlt -, desto eher verlieren sie daher auch an Nährwerten. Die Angst vor Tiefkühlgemüse sei daher unbegründet, so Rust. Durch das sofortige Einfrieren bleiben häufiger mehr gesunde Inhaltsstoffe zurück als bei zu lange gelagertem "frischen" Obst und Gemüse.

Simone Leonhartsberger, ORF.at

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