Goldene Zeiten für Spekulanten

Während die Zahl der Arbeitslosen in den USA steigt, fahren Banken wieder Milliardengewinne ein.
Die Quartalszahlen der US-Großbanken überraschen selbst erfahrene Analysten. Die US-Bank Citigroup, zuletzt noch als Pleitekandidat gehandelt, hat am Freitag völlig überraschend einen Quartalsgewinn von 4,3 Mrd. Dollar (3,1 Mrd. Euro) präsentiert.

Ähnlich positiv waren auch die Zahlen der beiden US-Großbanken JPMorgan Chase und Goldman Sachs, die beide im zweiten Quartal rund zwei Milliarden Dollar Gewinn verbuchen konnten.

Ist die Krise also schon ausgestanden? Wohl kaum. Denn gleichzeitig herrscht in der US-Staatskasse Ebbe, die Arbeitslosenquote droht bis Ende des Jahres in den zweistelligen Bereich zu rutschen, und die Zwangsversteigerungen von Häusern erreichen Rekordwerte. Was läuft schief?

Rückkehr der Zocker?
Für Analysten liegt die Antwort auf der Hand: Die großen Banken drehen wieder kräftig am Spekulationsrad - und das mit sichtlichem Erfolg. Vor allem im Investmentbereich, also beim Handel mit Wertpapieren wie Anleihen, Aktien und Derivaten, verdienen Goldman, JPMorgan und Citigroup so gut wie schon lange nicht mehr.

Und hier spielt die Wirtschaftskrise den "Big Playern" sogar in die Hand. Die Erträge haben sich fast verdoppelt, da viele Firmen wie auch Staaten Milliarden auf den Kapitalmärkten aufnehmen mussten. Die Banken verdienen dabei mit ihren saftigen Beratungsgebühren.

Weniger Konkurrenz
Und noch einen Nebeneffekt hatte die Finanzkrise. Die Konkurrenz auf dem Markt sei deutlich weniger geworden, bestätigte Goldman-Finanzchef David Viniar. Bankhäuser, die sich wie Goldman noch voll auf das krisengeschüttelte Investmentbanking konzentrieren, sind rar. Aber gerade dort ist derzeit das große Geld zu machen.

Die "Blasenmaschine" Goldman Sachs
Ein Beispiel für die wieder laufenden Spekulationsgeschäfte ist der hohe Ölpreis in den vergangenen Wochen. Zum Teil von Spekulanten an den Börsen künstlich in die Höhe getrieben, brachte er Finanzbrokern kurzfristig hohe Gewinne. Die Rechnung begleichen die Autofahrer an den Zapfsäulen.

Und vor allem Goldman Sachs soll beim Wiederaufleben der "Bubbles" - der Finanzblasen - fleißig die Fäden ziehen, wie das Musikmagazin "Rolling Stone" in dem Artikel "Inside The Great American Bubble Machine" (Im Inneren der großen amerikanischen Blasenmaschine) meinte.

Elf Milliarden Dollar an Boni
Dass Goldman Sachs seinem Ruf als Investmentbank treu geblieben ist, bestätigte auch Viniar: "Wir haben immer gesagt, dass unser Geschäftsmodell dasselbe geblieben ist." Von den dadurch erzielten Gewinne sollen aber nicht nur die Aktionäre des vor 140 Jahren gegründeten Bankhauses profitieren, sondern auch die Manager.

Kein Wunder also, dass es die Finanzhäuser eilig haben, sich von den ungeliebten Staatshilfen "freizukaufen". Denn mit der Rückzahlung der Milliarden-Dollar-Kredite verfallen auch die strengen Regeln betreffend Löhne und Boni. Allein Goldman Sachs legte für das erste Halbjahr elf Milliarden Dollar (7,8 Mrd. Euro) an Bonuszahlungen für seine insgesamt 29.400 Mitarbeiter zur Seite.

Aktiengeschäfte statt Kreditvergabe
Viele Kritiker sehen darin eine Rückkehr in die Zeit vor der Finanzkrise. Staatshilfen, die dazu gedacht gewesen wären, die Kreditvergabe für Unternehmen und Verbraucher anzukurbeln und so die Wirtschaft zu stützen, wurden dazu verwendet, auf den Aktienmärkten zu spekulieren.

Keine Erholung bei den Verbrauchern
Einzige Sorge bereitet den Finanzinstituten noch der Ausfall im Kreditkartengeschäft. Denn wie die aktuelle Statistik zeigt, ist die Erholung bei den Verbrauchern noch lange nicht angekommen.

Die US-Arbeitslosenquote lag im Juni bei 9,5 Prozent - so hoch wie seit 26 Jahren nicht mehr. Und es dürfte noch schlimmer kommen. Die US-Notenbank Fed hat bis zum Jahresende einen zweistelligen Wert vorhergesagt.

Rekordzahl an Zwangsversteigerungen
Die steigende Arbeitslosigkeit führt auch dazu, dass viele Hausbesitzer ihre Hypotheken nicht mehr zurückzahlen können. Im ersten Halbjahr seien mehr als 1,9 Millionen Zwangsbescheide verschickt worden, teilte die Immobilienfirma RealtyTrac mit.

Bis Jahresende werden rund vier Millionen Zwangsversteigerungen erwartet nach 3,1 Millionen im Vorjahr. Normalerweise kommen jährlich nur ungefähr 800.000 Häuser unter den Hammer.

1.100.000.000.000 Dollar Defizit
US-Präsident Barack Obama hat schon neue Hilfspakete angekündigt, die aber das Haushaltsdefizit weiter belasten werden. Seit Oktober 2008 ist das Defizit auf einen Rekordwert von 1,1 Billionen Dollar (780 Mrd. Euro) gewachsen. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres betrug das Minus noch 286 Mrd. Dollar.

Zweigeteilte Reaktionen
Deshalb reagieren US-Politiker auch sehr unterschiedlich auf die guten Zahlen von Goldman und Co. Die Reaktionen lassen sich grob auf zwei Botschaften reduzieren: Einerseits herrscht Erleichterung, dass Banken wieder richtig Geld verdienen. Andererseits wird die Lohnpolitik kritisiert, die wieder Ausmaße wie vor der Krise anzunehmen droht.

"Diese Situation nicht tolerieren"
Warnende Worte kommen auch aus Europa. "Niemand in den USA oder anderswo kann eine solche Situation tolerieren", sagte Henri Guaino, ein Berater von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, gegenüber der Schweizer Zeitung "Der Bund". "Goldman Sachs würde heute ohne Hilfe des Steuerzahlers nicht mehr existieren."

Die Bonuspolitik der Firma bezeichnete er als "skandalös". Die Gruppe der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G-20) wird sich laut Guaino um dieses Problem kümmern müssen.

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