Einer, der im Iran ist, um den Widerstand gegen das Regime zu beobachten, ist Navid Kermani, ein Schriftsteller und Islamwissenschaftler mit deutschem und iranischem Pass. Am späten Montagabend gab er der ARD-Tagesschau, sichtlich bewegt, ein Interview.
"Zeichen zum Sturm"
Er berichtete über das, was er gesehen hat. "Mittwoch und Donnerstag waren es friedliche Massenproteste ohne Einwirken der Polizei." Die Rede des geistlichen Führers des Landes, Ali Chamenei, am Freitag sei dann das "Zeichen zum Sturm" auf die protestierenden Massen gewesen. Dennoch seien am Samstag wieder viele Demonstranten zusammengekommen.
Der Platz, auf dem sich die Menschen am Samstag sammelten, "glich einem Militärlager". Menschenschlangen hätten sich auf den Gehsteigen gebildet. Die Teilnehmer schwiegen, unter ihnen Kermani.
"Zwei, drei Stunden großer Brutalität"
Motorräder seien den Gehsteig entlanggefahren: "Die Fahrer gaben Gas, während die Beifahrer mit Knüppeln auf die Demonstranten einschlugen, die keine Möglichkeit zu fliehen hatten." Der Platz war laut Kermani umzingelt.
"Es brach Panik aus. Tausende von Menschen versuchten, in die Seitengassen zu fliehen." Betroffen fügte Kermani hinzu: "Und dann habe ich zwei, drei Stunden lang Szenen von großer Brutalität gesehen." Er selbst wollte nach einer Stunde fliehen: "Aber es ging gar nicht."
Kermani berichtete von "regelrechten Straßenschlachten". Teilweise seien sogar die Milizen zurückgewichen.
Nun eher stiller Widerstand
"Die Proteste werden weitergehen, aber nicht in der Größenordnung der letzten Woche. Wer Samstag da war, wird es sich zweimal überlegen, noch einmal zu kommen. Es war wirklich lebensgefährlich", so Kermani. Viele Menschen, auch aus seinem persönlichen Bekannten- und Verwandtenkreis, seien seit Samstag vermisst.
Die "normalen Bürger" abseits des harten Kerns der Oppositionellen würden sich nun eher im Stillen solidarisieren und wieder arbeiten gehen. Manche von ihnen würden auf andere Formen des Widerstands zurückgreifen. So seien etwa viele Menschen in der Nacht auf die Dächer gestiegen und hätten gerufen: "Gott ist groß."
Wächst der Protest?
Selbst viele Anhänger von Präsident Mahmud Ahmadinedschad seien momentan abgeschreckt von der Brutalität des Regimes. Immer weniger Menschen würden der Propaganda des Staatsfernsehens glauben. Aber die Menschen hätten zu viel Angst für eine großangelegte Protestwelle.
Es könne allerdings sein, dass der Widerstand gegen das Regime im Inneren immer mehr anwachse. Es gebe die vage Aussicht, dass es mittelfristig zu einer Revolte kommen könnte. Prognosen seien derzeit aber seriös ohnehin nicht möglich, sagte Kermani.
"Paria-Staat"
Werden die Proteste nun nachhaltig "niedergeknüppelt", sei der Iran ein Paria-Staat, so Kermani. Er selbst sei in der Vergangenheit nie für die Isolation des Landes eingetreten.
Aber angesichts der Brutalität gegen die eigene Bevölkerung werde der Iran zu einer Militärdiktatur und müsse entsprechend behandelt - also isoliert - werden. Sollte es bei der Unterdrückung der Proteste bleiben, dürfe es kein Zurück geben zum Status vor der Wahl.
Nirumand: "Ermutigt weiterzumachen"
In der "taz" (Dienstag-Ausgabe) meldete sich
der deutsch-iranische Journalist, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Bahman Nirumand in einem Kommentar zu Wort.
Ihn treibt vor allem die Frage um, warum der Wächterrat am Montag zunächst zugab, dass bei der Wahl rund drei Millionen Stimmen zu viel abgegeben wurden, und das später wieder dementierte.
Das sei ein Anzeichen dafür, dass sich auch innerhalb des mächtigen religiösen Gremiums ein Riss auftue: "Für die Protestierenden ist der gestrige Tag ein erster Etappensieg. Sie merken, gegen eine Macht, die sich auf Waffen stützt und diese auch einzusetzen droht, ist Widerstand möglich. Es wird sie ermutigen weiterzumachen, bis sie Neuwahlen durchgesetzt haben."
"Der Anfang vom Ende"
Die ersten Zugeständnisse des Regimes, etwa der zunächst eingestandene Wahlbetrug, würden "viel zu spät" kommen. Und der Rückzieher könne "der Anfang vom Ende" des Regimes sein.
Nirumand erinnert sich an die Worte des Schahs, "der damals ebenfalls zu spät und erst, als der Aufstand längst im Gang war, erklärte, er habe die Botschaft der Revolution vernommen. Wenige Monate später stürzte sein Regime."
Makhmalbafs Appell via YouTube
Mit einem Appell an westliche Staaten wandte sich der wohl bedeutendste iranische Filmemacher Mohsen Makhmalbaf via YouTube in einem Interview der französischen Nachrichtenagentur AFP an die Öffentlichkeit. Auf keinen Fall solle in der derzeitigen Lage die Position des Regimes gestärkt werden, darauf sei in jeder Art der Kommunikation zu achten.
Makhmalbaf ist nicht nur international anerkannt, seine Stimme wiegt auch innerhalb des Iran schwer. Als junger Mann kämpfte er gegen das Schah-Regime und wurde inhaftiert. Dann wurde er nach der Revolution zum wichtigsten Propagandafilmer, wie die "Frankfurter Rundschau" berichtet. Später jedoch drehte er sozialkritische Filme und äußerte sich kritisch gegenüber dem Regime.
Im Iran selbst müsse mit allen Mitteln versucht werden, das legitime Wahlergebnis herzustellen. Wichtig ist Makhmalbaf, dass dabei friedlich vorgegangen wird. Der Filmemacher hatte bereits im Wahlkampf massiv den Herausforderer von Ahmadinedschad, Mir Hussein Mussawi, unterstützt.
Simon Hadler, ORF.at
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