Zeitreise mit erhöhter Lautstärke

Fans restlos begeistert von Hitfeuerwerk.
©Bild: Ö3/Norbert Ivanek
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"Wenn die Musik zu laut ist, bist du zu alt", lautet eine alte Rock-Weisheit. Ein Gutteil der mehr als 50.000 Besucher am Sonntagabend im Wiener Happel-Stadion schienen sich beweisen zu wollen, dass es noch nicht so weit ist. Schließlich standen auch auf der Bühne schon ältere Herrschaften: AC/DC, australische Hardrock-Dinosaurier mit Durchschnittsalter weit jenseits der 50.

Gut gelaunt und spielfreudig
©Bild: Ö3/Norbert Ivanek
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AC/DC sind die Riffs von Gitarrist Angus Young. Sie machen den Sound aus und ihre Hits, von denen die Band in ihrer zweistündigen Show keinen ausließ, zu Klassikern. Gut gelaunt und spielfreudig wirbelte Young von einem Bühnenende zum anderen, hinaus auf den Laufsteg in die Mitte des Stadions und zurück.

Schlumpf im Stimmbruch
Auch Sänger Brian Johnson, immerhin schon 62, zeigte sich mehr als rüstig und agil. Seine Mark und Bein durchdringende Kopfstimme, die sich ein bisschen nach Schlumpf im Stimmbruch anhört, ist der Konterpart zu Youngs schneidender Gitarre. Gerade live klingt das zwar nicht gesund, man fürchtet, dass es im Kehlkopfbereich einmal knacks macht und vorbei ist, die Wirkung verfehlt es aber nicht - und das seit seinem Einstieg in die Band 1980.

Spektakel nach Vorschrift
Während Johnson und Young vorne für die Show sorgten, herrschte in der Rhythmusabteilung solider Dienst nach Vorschrift. Drummer Phil Rudd gibt mehr oder weniger kettenrauchend den Beat vor, Cliff Williams am Bass und Malcolm Young an der zweiten Gitarre hielten sich nicht nur optisch, sondern auch akustisch im Hintergrund.

Die Setlist ist für alle Konzerte der Tour dieselbe, bis ins Detail geplant sind auch die Spezialaffekte von der in die Bühne krachenden Lokomotive zu Beginn über die Riesenglocke bei "Hells Bells" bis zu den donnernden Kanonenschüssen mit ein klein wenig Pyrotechnik am Ende - mehr Bilder in oe3.orf.at.

Altherren-Fantasien
Das alles ist vielleicht nicht ganz geschmacksicher, insbesondere die Trickfilm gewordenen Altherren-Fantasien beim Intro des Konzerts und die in allen Belangen überdimensionierte, bei "Whole Lotta Rosie" auf der Bühne schwebende Gummipuppe sind nüchtern und bei Tageslicht betrachtet wohl einfach sexistisch und auch ein bisschen blöd.

AC/DC wird es verziehen, vor allem weil die Herren sich selbst nicht so bierernst nehmen, wie viele ihrer Kollegen es tun: Welche andere Band hat schon als Markenzeichen einen mittlerweile 54-jährigen Gitarristen in Schuluniform, derer er sich auch traditionell bei "The Jack" mit einem Strip entledigt?

Freundliche Stimmung
Der Mut zur Regression ist offenbar ansteckend, anders ist nicht zu erklären, dass sich Tausende erwachsene Menschen im Publikum rot blinkende Plastikteufelshörnchen aufs Haupt schnallen. Abgesehen davon zeigte sich das Publikum trotz punktuellen Sanitärnotstands und der Möglichkeit, es sich mit Liter-Bierbechern zu besorgen, recht zivilisiert und zuvorkommend.

Positiv überraschte auch der Sound, der für eine Hall-Hölle wie das Praterstadion, in der vor allem die Höhen sich gerne zu einem dröhnenden Geräuschmatsch verblasen, durchwegs okay war.

Kaum Zeit zum Durchschnaufen
Spätestens bei "You Shook Me All Night Long" und "T.N.T." war das Publikum entfesselt, bei der ersten Zugabe "Highway to Hell" gar nicht mehr zu halten. Ein wenig durchschnaufen hieß es noch am ehesten bei den vier ins Hitfeuerwerk eingestreuten Nummern des im vergangenen Jahr veröffentlichten letzten Albums "Black Ice".

Sogar das völlig zu Recht als Irrung aus der Musik fast verschwundene minutenlange Gitarrensolo war bei "Let There Be Rock" vergleichsweise kurzweilig, weil mit unterstützendem Confettiregen rund um die Spezialhebebühne für Angus Young in der Mitte des Stadions hübsch anzusehen.

Schließlich schaffte es der Gitarrist auch hier, das Ganze mit einem Augenzwinkern über die Bühne zu bringen. Und über den einen oder anderen verpatzten Einstieg oder Übergang wie bei "Thunderstruck" durfte man auch gelassen hinwegsehen.

Fans auf Zeitreise
Der durchschnittliche, durchwegs männliche Fan zwischen 30 und 50 wurde jedenfalls auf Zeitreise in die Vergangenheit geschickt - damals, als AC/DC den Soundtrack zum Leben lieferten, das eigene Haar weniger schütter, der Bauch deutlich kleiner und die Bierdusche aktiv billiger (kein Pfand) und passiv weniger schmerzhaft (kein Hartplastikbecher) war.

Und nicht zuletzt sei Musik damals echt, ehrlich und authentisch gewesen, lautet die Parole - kein elektronischer Schnickschnack, sondern handgemacht. Dass sich hier zeitgenössischer Kulturpessimismus mit Vergangenheitsverklärung mischt, stört offenbar nicht weiter.

Rock wird älter
Das Verständnis von Popmusik sei untrennbar mit dem Verstehen von Jugendkultur verbunden, schrieb der Musiksoziologe Simon Frith noch Anfang der 80er Jahre. Das sieht man jetzt anders. Und das sah man auch Sonntagabend im Prater. Denn mittlerweile sind die ersten einstigen Rock-Fans im Pensionsalter und nicht alle haben sich kontemplativen Hobbys, Klassik oder volkstümlicher Musik zugewandt.

Der Alterskreis der Pop- und Rock-Hörer hat sich massiv ausgeweitet, nach unten wie nach oben. Und weil rüstige 50er ein bei weitem besseres Einkommen haben als Achtjährige und bei illegalen Downloads meistens nicht ganz so fit sind, ist das auch für die Musikindustrie ein interessantes Geschäft. Rock wird auch von Publikumsseite älter werden. Auf das haben AC/DC am Sonntag jedenfalls schon einmal sehr gelungen eingestimmt.

Christian Körber, ORF.at

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