Leitzins gesenkt

Banken sollen wieder mehr Geld für Kredite zur Verfügung haben.
Nach monatelangem Zögern folgt nun auch die Europäische Zentralbank (EZB) den anderen großen Notenbanken und wirft im Kampf gegen eine drohende Kreditklemme die Notenpresse an. Die EZB weitet ihre Unterstützung für die Banken aus und kündigte am Donnerstag eine ganze Reihe außergewöhnlicher Maßnahmen an, um den Kreditfluss zu erhalten.

Die EZB senkte zugleich den Leitzins auf das historische Tief von einem Prozent. Selbst weitere Zinssenkungen in Richtung null Prozent schloss EZB-Präsident Jean-Claude Trichet nicht aus. Der Euro legte daraufhin auf dem Devisenmarkt kräftig zu.

Anleihenankauf um 60 Milliarden
Trichet kündigte erstmals in der Geschichte der Währungsunion den Ankauf von auf Euro lautenden Covered Bonds an. Der EZB-Rat habe sich darauf "im Grundsatz" geeinigt, sagte Trichet. Details sollen im Juni bekanntgegeben werden. Das Volumen der Käufe könnte laut Trichet etwa 60 Mrd. Euro betragen. Analysten der italienischen Großbank UniCredit taxieren den europäischen Covered-Bonds-Markt auf 700 Mrd. Euro.

Mehr Geld für Investitionsbank
Die EZB verlängert außerdem wie erwartet die Laufzeit ihrer Refinanzierungsgeschäfte mit den Banken auf zwölf Monate. Bisher können sich diese für maximal ein halbes Jahr Geld bei der EZB borgen. Darüber hinaus bekommt die Europäische Investitionsbank (EIB) ab Juli Zugang zur Liquidität der Zentralbank.

Sie konnte bisher nicht an den Refinanzierungsgeschäften teilnehmen und kann nun von attraktiven Zinskonditionen der EZB profitieren. Die EIB finanziert Kredite für ein breites Spektrum von Projekten in der EU, vor allem in der Infrastruktur.

Geld für Kredite
Alle diese Maßnahmen sollen dafür sorgen, dass Banken, die seit Monaten unter der Finanzkrise ächzen, auch weiterhin Kredite für Firmen und Haushalte zur Verfügung stellen. Außerdem erhalten über den Ankauf von Covered Bonds auch viele Firmen direkt Unterstützung.

Jüngste Daten zur Kreditvergabe in Europa hatten die Währungshüter offenbar ebenso aufgeschreckt wie die Öffentlichkeit. Demnach verschärften die Banken nicht nur ihre Kreditbedingungen, sondern stellten der Wirtschaft immer weniger Mittel zur Verfügung. Wenn dieser Kreislauf nicht durchbrochen wird, droht eine Kreditklemme mit schlimmen Folgen.

Weitere Zinssenkung?
Ihren Leitzins senkte die EZB wie erwartet um weitere 0,25 Prozentpunkte. Seit dem Höhepunkt der Krise im vergangenen Herbst ist der Leitzins damit um 325 Basispunkte gesunken. Ob mit dem nun erreichten Niveau von einem Prozent - wie vom deutschen Bundesbank-Präsidenten Axel Weber zuletzt gefordert - ein Tiefpunkt erreicht ist, ließ Trichet offen. "Wir haben heute nicht entschieden, dass der neue Zins der niedrigste ist."

"Positive Signale"
Trichet äußerte sich zwar besorgt über die Kreditvergabe der Banken, gleichzeitig aber vorsichtig optimistisch zur weiteren Wirtschaftsentwicklung. Zwar sei das erste Quartal "weniger schmeichelhaft als erwartet" ausgefallen. Auch werde die Konjunktur in den nächsten Monaten weiter sehr schwach bleiben. Allerdings sei im kommenden Jahr mit einer Erholung vor allem der Nachfrage zu rechnen, sagte Trichet.

Bereits das zweite Quartal werde viel besser verlaufen als der Jahresbeginn. Vor allem aus Deutschland, der größten Volkswirtschaft Europas, kämen positive Signale. "Alle können sehen, dass aus Deutschland ermutigende Zahlen kommen." Die deutsche Industrie hatte im März zum ersten Mal seit einem halben Jahr wieder mehr Aufträge erhalten, wie das Bundeswirtschaftsministerium mitteilte.

Auch Briten senkten leitzins
Vor der EZB hatte am Mittag bereits die britische Notenbank ihren Leitzins bei 0,5 Prozent belassen, ihre laufenden Ankaufprogramme für Anleihen aber auf vorerst 125 Mrd. Pfund (112,3 Mrd. Euro) ausgeweitet, um auf diese Weise zusätzliches Geld in den Wirtschaftskreislauf zu pumpen.

Ähnliche Programme haben die US-Notenbank Fed, die Bank von Japan und die Schweizer Nationalbank aufgelegt. Die EZB hatte sich wegen ihres vergleichweise defensiven Kurses in der Vergangenheit immer wieder gegen Kritik verteidigen müssen.

Lob von Analysten
Nun lobten Analysten und Bankenverbände die Frankfurter Währungshüter. Norbert Braems vom Bankhaus Sal. Oppenheim sagte, ein Kauf von Covered Bonds komme direkt den Unternehmen zugute. "Das dürfte die Kapitalmarktzinsen drücken" und deren Refinanzierung weiter erleichtern, so Oppenheim.

Rainer Sartoris von HSBC Trinkaus begrüßte den Kurs der EZB: "Ich kann den Charme der Lösung nachvollziehen. Man hat das Problem des von einigen geforderten Ankaufs von Staatsanleihen elegant umgangen." Diese Variante hätten in einer Währungsunion mit 16 Mitgliedsstaaten unweigerlich zu politischen Problemen geführt.

Andreas Framke, Reuters

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