Anleihen als Konjunkturgradmesser

Anleihen gelten als zuverlässige Indikatoren für die Konjunktur.
Sie ist so etwas wie ein Barometer für die Konjunktur - nach Ansicht ihrer Befürworter eines der zuverlässigsten überhaupt. Die Rede ist von der Renditekurve bei Staatsanleihen.

Diese Kurve zeigt den Renditeunterschied von Staatsanleihen mit unterschiedlicher Laufzeit. Befindet sich die Konjunktur im Aufschwung, so sind typischerweise kurz laufende Anleihen (häufig drei Monate oder zwei Jahre) niedriger verzinst als lange laufende Anleihen (der wichtigste Zeitrahmen sind zehn Jahre) - für Letztere muss derjenige, der eine Anleihe begibt, mehr Zinsen zahlen, um etwa das wegen der längeren Laufzeit merklich höhere Inflationsrisiko abzudecken.

Die Angst vor der Kurve
Wenn Anleihenhändler eine Rezession erwarten, so verkehrt sich die Kurve: Die Rendite langfristiger Anleihen geht steil nach unten. Wird eine Rezession befürchtet, fällt die Rendite für Bonds mit langer Laufzeit unter den Wert von Anleihen mit kurzer Laufzeit.

Mit anderen Worten: Der Staat oder das Unternehmen, die eine festverzinste Anleihe auflegt (also: Geld auf dem Markt aufnimmt), muss bei längerer Laufzeit weniger Zinsen (oder gar keine) zahlen als bei kurz laufenden.

Sicherer Hafen
Aus Sicht von Anlegern sind vor allem staatliche Anleihen in drohenden schlechten Wirtschaftszeiten eine sichere Anlage - vor allem im Vergleich mit Aktien. Die starke Nachfrage treibt die Zinsaufschläge nach unten. Dazu kommt, dass das Inflationsrisiko in Zeiten einer Rezession wegfällt, lang laufende Anleihen dadurch ein besonders attraktiver "sicherer Hafen" werden - attraktiver auch als Anleihen mit kurzer Laufzeit.

Zwischen 1965 und 2009 fiel die Rendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen achtmal für längere Zeit unter jene für dreimonatige. In sieben Fällen fiel die US-Wirtschaft danach in eine Rezession. Zuletzt verkehrte sich die Renditekurve ab Mitte 2006 für mehrere Monate - 2007 begann dann die Kreditklemme, und 2008 rutschten die USA in die Rezession ab.

Besser als andere Indikatoren
In einer Studie für die New Yorker Fed kamen Arturo Estrella und Frederic S. Mishkin bereits 1996 zu dem Urteil, dass die Renditekurve ein sehr brauchbares Instrument sei, um eine Rezession ein halbes bis zu eineinhalb Jahre im Vorhinein prognostizieren zu können. Die Renditekurve schlage in seiner Zuverlässigkeit die meisten anderen Indikatoren.

Positive Umkehrung
Doch auch die Umkehrung trifft zu: Geht die Renditekurve nach oben, bedeutet das, dass Händler mit einer Erholung rechnen. Das ist jetzt der Fall und lässt Beobachter auf ein absehbares Ende der Krise hoffen.

Konkret erzielen zehnjährige Staatsanleihen in allen G-7-Staaten wieder mindestens ein Prozent mehr Rendite als zweijährige Anleihen - laut Bloomberg erstmals seit 1991. In anderen Worten: Investoren verlangen dafür, dass sie Staaten langfristig Geld borgen, deutlich mehr Zins als für kurzfristige Kredite. In Großbritannien und Italien sind die Renditekurven so steil wie seit 17 Jahren nicht mehr.

Kurve wird noch steiler
Laut Paul McCulley, Manager beim weltweit größten Bond-Fonds Pimco, wird die Renditekurve noch steiler nach oben gehen.

Der Grund: Die Notenbanken denken derzeit nicht daran, die Leitzinsen wieder anzuheben - womit auch die kurzlaufenden Anleihen niedrig verzinst bleiben (von Leitzinsveränderungen sind immer kurzfristige Zinssätze - Tages-/Monatslaufzeit - betroffen, Anm.). Zugleich müssen die Staaten zur Finanzierung ihrer Konjunkturpakete langfristige Anleihen auflegen - was deren Rendite weiter hinauftreibt.

Zweifel bei Krugman
Die Bedeutung der Renditekurve ist nicht unumstritten. Einer, der zumindest in der jetzigen Situation nicht an ihre Aussagekraft glaubt, ist der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman.

In seinem Blog meinte er schon im Dezember, eine positive Kurve könne dieses Mal nicht als Zeichen für eine bevorstehende Erholung gelten. Wegen der Nullzinspolitik der Fed könne die Kurve keine realen Verhältnisse wiedergeben, da eine eventuell nötige Zinssenkung gar nicht mehr möglich ist. Da somit Bewegung nur in eine Richtung - nach oben - möglich sei, entstehe zwangsläufig eine positive Kurve, so Krugmans Warnung.

Links: