Schelte für derzeitige Debatte

Experten konstatieren massiven Reformstau und verlangen tiefgreifende Reformen.
Eine Bildungsdiskussion, die weit über die Arbeitszeit der Lehrer hinausgeht, haben Experten bei einer Veranstaltung des Clubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten am Dienstagabend in Wien gefordert.

An der aktuellen Auseinandersetzung ließen die Wissenschaftler kein gutes Haar, Kritik gab es vor allem in Richtung Gewerkschaften.

Chance für Reformen
Derzeit gebe es ausschließlich ein "Tauziehen um Unterrichtszeit", eine fachliche Diskussion um die Qualität der Bildung werde von der Gewerkschaft ausgeklammert, sagte Ilse Schrittesser vom Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien.

Dabei ortet Schrittesser derzeit ein "Window of Opportunity", überfällige Veränderungen anzugehen und "neue Kulturen eindringen zu lassen".

Wie vor 200 Jahren
Die Wissenschaftlerin bemängelte, dass das Schulsystem in Grundzügen immer noch so funktioniere wie vor 200 Jahren und der Zeit nicht mehr angemessen sei. Statt des derzeitigen Einzelkämpfertums der Lehrer bedürfe es einer professionellen Gemeinschaft, dazu sollten die Pädagogen alle Aufgaben an der Schule erledigen.

"Dazu muss ein Verbleiben am Arbeitsplatz natürlich möglich werden, es muss gearbeitet werden können", so die Wissenschaftlerin.

Für Ganztags- und Gesamtschule
Michael Schratz, Leiter des Instituts für Lehrerbildung und Schulforschung an der Universität Innsbruck, möchte aber auch die Schüler "nicht zu Mittag nach Hause schicken".

Diese Gepflogenheit und die Regelung, die Schüler "schon mit zehn Jahren zu trennen", würden in Gesprächen mit internationalen Kollegen auf das meiste Unverständnis stoßen, berichtete Schratz.

Anstatt den Reformstau weiter anwachsen zu lassen, plädierte der Experte dafür, eine "radikalere Reform" zu wagen. Das sei zielführender, als ständig Reformen in homöopathischen Dosen durchzuführen, die dennoch laufend für Unruhe sorgen. Im Augenblick gebe es überhaupt nur Konfrontation, die Lehrer seien reformmüde und demotiviert.

"Jahresarbeitszeitmodell" nach skandinavischem Vorbild
Anstatt über ein oder zwei Stunden zu feilschen, schlug Schratz gegenüber Ö1 ein "Jahresarbeitszeitmodell" nach dem Vorbild von Schweden oder Norwegen für Lehrer vor.

Dort sind die Lehrer jeden Tag von 9.00 bis 15.30 Uhr an der Schule - und zwar das ganze Schuljahr über. In die Arbeitszeit inbegriffen seien nicht nur die Unterrichtsstunden, sondern auch Gespräche mit den Eltern und Weiterbildung - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Neues Berufsverständnis nötig
Für Schrittesser ist ein neues Berufsverständnis der Lehrer ein Kernpunkt für Verbesserungen des Bildungssystems. Dazu sei schon bei der Ausbildung anzusetzen.

"Lehrer haben autonome Handlungsspielräume, sie sollten diese auch nutzen und nicht nur auf Impulse von oben warten", so die Expertin. Schrittesser hält eine gemeinsame Ausbildung aller Lehrer für sinnvoll, jedenfalls was die Grundzüge des Faches angeht.

Um die Lehrerausbildung zu vereinheitlichen, kann sich Schratz vorstellen, die Pädagogischen Hochschulen (PH) in einem ersten Schritt den Unis als eigene Fakultäten anzugliedern. Sollte es auch für Pädagogen durchgehend eine dreigliedrige Ausbildung geben - inklusive Bakkalaureat und Master -, sollte für die Sekundarstufe jedenfalls der Master-Abschluss gefordert werden.

Längere Anwesenheitsverpflichtung
Auch Georg Neuhauser, Leiter des Impulszentrums für Cooperatives Offenes Lernen (COOL), ist "betroffen über die Undifferenziertheit" der derzeitigen Auseinandersetzung. Schließlich sollte es um Unterrichtsqualität gehen und nicht nur um Geld. Neuhauser empfiehlt mehr Zusammenarbeit der Lehrer, aber auch der Schüler.

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