Wie man an den US-Präsidenten herankommt

Der Weg bis zu dem Moment, in dem man dem US-Präsidenten eine Frage stellen kann, ist lang.
Abseits aller protokollarischen Gepflogenheiten ist es ORF-Korrespondentin Sonja Sagmeister am Samstag gelungen, eine Frage an US-Präsident Barack Obama zu richten. Der offenbarte dabei seine Probleme mit dem "Austrian", der "österreichischen Sprache", wie sie aus Straßburg berichtet:

Seit Freitagnachmittag fährt kein Auto mehr durch Straßburg, teilweise müssen Menschen vorübergehend aus ihren Wohnungen ausziehen, um die Sicherheit nicht zu gefährden. Wer an Obama nahe herankommen darf, wurde genau geprüft und hat einen "Badge", eine Spezialgehmigung der NATO.

Polizei, wohin das Auge blickt
Im Hotel in der Straßburger Innenstadt sind NATO-Generäle und Journalisten aus aller Welt untergebracht. Alle wollen Obama sehen. Die Erwartungshaltung kippt sehr bald in Ärger. Es gibt keinen Shuttlebus, kein Taxi und keine Tram zum zwei Kilometer entfernten Presse- und Konferenzzentrum außerhalb der Stadt.

Bei dem erzwungenen Fußmarsch folgt eine Polizeischleuse auf die nächste. Jedes Mal treffen die Journalisten auf Hundertschaften von Polizisten. Ganze Straßenzüge sind mit Panzerwagen, Feuerwehrautos und Hunderten Polizeibussen blockiert. Mit Argusaugen prüfen französische Gendarmen mindestens zehnmal unseren NATO-Ausweis.

Tratsch über Carla und Sarkozy
Die letzte Absperrung ist undurchdringbar. Wir müssen zur einzig offenen Schleuse Richtung Pressezentrum. Von einem französischen und deutschen Kollegen erfahre ich nebenbei, dass der Haussegen beim französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und seiner Frau Carla Bruni derzeit schief hängen soll.

Endlich angekommen, müssen wir noch einmal vorbei an Sicherheitskräften. Unser Gepäck wird genau kontrolliert, bevor wir endlich zu unserem Arbeitsplatz vordringen. In einer Kammer, die zwei mal zwei Meter misst, verfolgen wir über TV-Monitore jeden Schritt des US-Präsidenten.

Kampf um Platz bei Pressekonferenz
An Obama "live" heranzukommen scheint unmöglich. Einzige Chance: die Pressekonferenz am Nachmittag. Nur wer die Busse vor dem Pressezentrum entdeckt und dort einen Platz ergattert, darf mit zur Pressekonferenz. Dort gilt schließlich eine genaue Sitzordnung.

Gleich beim Eingang in den ersten Reihen sitzen die "White-House-Reporter" aus dem Pressekorps, die Obama ständig begleiten. Ich sehe, dass sie plötzlich hektisch ein paar Zeilen auf Zettel kritzeln. Tatsächlich sind es Fragen an ihren Präsidenten. Die Enttäuschung ist groß: Nur sie dürfen Fragen stellen, damit sich der Präsident darauf vorbereiten kann.

Smalltalk mit Leibwächtern
Drei Stunden dauert es, bis die Pressekonferenz anfängt. Ich beginne mit einem Amerikaner, der ganz nahe an der Bühne steht, ein Gespräch. Es stellt sich heraus, dass er einer der Leibwächter von Obama ist. Daneben stehen mehrere Agenten des Secret Service. Sie erzählen mir, dass sie oft Angst haben. Immer wieder werde Obama in den USA bedroht.

Dass es Drohungen wegen seiner Hautfarbe sind, wollen sie offiziell nicht bestätigen. Aber, fügen sie gleich hinzu, bisher hätten sie ihn immer beschützen können. Ein Agent sagt mir noch eindringlich: "Wenn die Europäer wüssten, wie gefährlich ein US-Präsident lebt, würden sie uns nicht mehr für paranoid halten."

Fragerunde streng nach Schema
Schließlich betritt Obama die Bühne. Er bedankt sich in staatsmännischem Ton bei den Europäern und stellt seine Pläne für Afghanistan vor. Dann startet die Fragerunde. Nur akkreditierte Journalisten, die auch sonst über das Weiße Haus berichten, kommen dran.

Von einem Blatt Papier liest Obama ihre Namen ab und ruft sie der Reihe nach auf - ein sehr mechanischer Ablauf mit klaren Regeln. Dabei hätte ich ihm auch gerne eine Frage gestellt. Aber wie soll das gerade mir gelingen? Im Saal sitzen mehr als 500 Journalisten, die ebenso denken.

"PLEASE 1 QUESTION"
Ich versuche, Blickkontakt mit dem US-Präsidenten aufzunehmen. Einmal gelingt es mir, ganz kurz nur. Wie ferngesteuert schreibe ich auf meinen Notizblock mit Leuchtstift "PLEASE 1 QUESTION". Die Buchstaben male ich so groß, dass er sie lesen kann. Schnell halte ich den Zettel hoch und winke.

Obama unterbricht das Frage-Antwort-Spiel: "Der französische Präsident hat an euch White-House-Journalisten keine Fragen vergegeben, oder?" Die Amerikaner raunen "No". Er kontert: "Ich mache das anders ... eine Frage an - er zögert kurz -, an Sie. Woher kommen Sie?" "From the little country of Austria. Austrian Television."

"Wheeling and dealing"
Ich frage Obama, ob die ersten Erfahrungen seiner Reise seinen Blick auf Europa verändert hätten. Er erklärt, dass sich die Art der europäische Politik nicht so stark unterscheide von jener in den USA und dass es mehr Gemeinsamkeiten gebe als erwartet. Er fügt mit einem breiten Grinsen hinzu:

"Politics is like wheeling and dealing. I do not know what this means in Austrian." (Politik ist wie mauscheln und feilschen. Ich weiß nicht, wie man das auf Österreichisch sagt.) Ein deutscher Kollege meint lachend, offenbar wisse Obama nicht, dass man in Österreich Deutsch spreche.