Psychologen leisten erste Krisenhilfe

Kriminologe bezeichnet den Amoklauf als "untypisch".
Hunderte Kerzen, Blumen und Stofftiere vor der Albertville-Realschule in der süddeutschen Kleinstadt Winnenden erinnern an die Opfer des Massakers von Mittwoch. In ganz Deutschland herrscht Entsetzen.

Ein 17-Jähriger hatte an seiner früheren Realschule acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen erschossen. Auf seiner Flucht danach tötete er drei weitere Menschen. Nach einem Schusswechsel mit der Polizei nahm er sich offenbar selbst das Leben.

Trauer in Deutschland
Noch am Abend fand ein Trauergottesdienst mit knapp 1.000 Menschen statt. Immer wieder brachen Menschen zusammen und mussten von Sanitätern aus der Kirche gebracht werden. Vor der Schule wurde in der Nacht eine Mahnwache gehalten.

Zahlreiche Psychologen aus ganz Deutschland kümmern sich um die Angehörigen der Toten, die Schüler und Lehrer, die das Massaker überlebt haben. Traumaspezialist Christian Lüdke forderte die Schließung der Schule: "Schlimmstenfalls könnten die Kinder sonst noch in einigen Wochen in das Trauma des Tattages zurückversetzt werden."

Merkel "bestürzt und fassungslos"
Auch zahlreiche deutsche Politiker meldeten sich nach dem Massaker zu Wort. Kanzlerin Angela Merkel gab eine Erklärung ab. Sie sei "entsetzt, bestürzt und fassungslos", heißt es darin. Sie sprach von einem "Tag der Trauer für ganz Deutschland".

Ende der kommenden Woche soll eine Trauerfeier auch im Beisein zahlreicher Spitzenpolitiker stattfinden.

Motiv gibt Rätsel auf
Nach wie vor unklar ist das Motiv. Der Kriminologe Rudolf Egg bezeichnete diesen Amoklauf gegenüber dem ZDF als "untypisch". Bei ähnlichen Taten an Schulen hätten die Täter fast nie die Flucht ergriffen, sondern sich noch im Gebäude selbst getötet.

"Er hat sich vorgenommen, wann und in welcher Weise er in die Schule eindringt und die Menschen ermordet." Die hohe Brutalität begründet der Experte damit, dass der Täter "völlig kopflos geworden zu sein scheint und nur mehr wild um sich geschossen hat".

Mobbing und Gewaltspiele
Von Mobbing als möglicher Grund sprach eine zwölfjährige Schülerin gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Sie habe den 17-Jährigen über einen Freund kennengelernt, und er habe ihr vor etwa drei Wochen einen Brief gezeigt: "Er schrieb seinen Eltern, dass er leidet und nicht mehr weiterkann."

Mitschüler hätten sich über ihn lustig gemacht, die Lehrer ihn ignoriert. Der Polizei ist von diesen Umständen noch nichts bekannt.

Wie ein Polizeisprecher am Donnerstag bestätigte, habe der Jugendliche in den vergangenen Monaten viel Zeit mit "Killerspielen" am Computer verbracht. Für die Motivsuche möchte die Polizei auch den Computer des ehemaligen Schülers auswerten.

Bisher gebe es laut dem Innenminister Baden-Württembergs, Heribert Rech, keine Hinweise auf eine Ankündigung der Tat.

Vor allem Mädchen und Frauen getötet
Vermutungen wurden bisher nur zum Geschlecht seiner Opfer angestellt. Rech nannte es "auffällig", dass vor allem Mädchen und drei Lehrerinnen getötet worden seien. Das Geschlecht könne, aber müsse kein Motiv sein, sagte Ralf Michelfelder von der Polizei Waiblingen.

Denn die Mädchen hätten sich in der Sitzordnung der Klassenzimmer zufällig näher bei der Tür befunden und seien vielleicht deshalb Opfer geworden.

Einsatz von Metalldetektoren gefordert
In der Politik wurde die Forderung nach einem Einsatz von Metalldetektoren an Schulen laut. Die Geräte sollten zumindest in den Schulen eingesetzt werden, in denen bereits ein Umlauf von Waffen festgestellt worden sei, sagte der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Sebastian Edathy, gegenüber der "Welt".

"Wir können uns um Außenseiter kümmern, um Jugendliche, die in Krisensituationen sind. Aber verhindern können wir Amokläufe nicht", sagte der Leiter des Kriminologischen Instituts in Hannover, Christian Pfeiffer, gegenüber der "Wetzlarer Neuen Zeitung".

Auch ein stärkerer Polizeischutz für Schulen bringe nichts. "Mehr Polizeipräsenz erhöht eher noch das Risiko von Amokläufen", sagte Pfeiffer. "Es könnte sein, dass die Schule für den Täter ein Ort der subjektiven Erniedrigung war."

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