Hohe Dunkelziffer

Entsprechende Gesetze gibt es, umgesetzt werden sie aber nur teilweise.
Jede fünfte Frau in Österreich ist laut Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie mindestens einmal in ihrem Leben von Gewalt betroffen. Die Dunkelziffer sei aber weitaus höher, sagte Rosa Logar, Geschäftsführerin der Interventionsstelle, im Gespräch mit der APA.

Ein Problem sieht Logar vor allem in der Tatsache, dass die Verurteilungsraten von Gewalttätern nach wie vor gering seien. Viele Opfer würden dadurch den Glauben an den Rechtsstaat verlieren.

Hohe Dunkelziffer
Wie viele Frauen in Österreich tatsächlich von Gewalt betroffen sind, sei schwierig zu sagen, so Logar. Laut einer Studie der Interventionsstelle hatte die Wiener Polizei im Jahr 2008 rund 4.000-mal mit Gewalt in der Familie zu tun - über 90 Prozent der Opfer seien dabei weiblich gewesen.

Die Dunkelziffer sei sehr hoch, da sich viele Opfer nicht trauten, Hilfe zu suchen. "Viele Frauen schämen sich auch", so Logar. Die Konsequenz: jahrelange Gewalt. Dass betroffene Frauen Angst haben, sich Hilfe zu holen, kann Logar verstehen: "Oft eskaliert die Gewalt ja auch, wenn es um Trennung oder Scheidung geht."

Urteile zugunsten der Beschuldigten
Opfer von Gewalt würden deshalb besonderen Schutz benötigen. "Leider ist die Strafjustiz da oft anderer Meinung", kritisierte Logar. "Die bestehenden Gesetze sind gut, ohne Frage, aber sie müssen auch angewendet werden."

Logar ist der Meinung, dass die Staatsanwaltschaft "im Grunde oft zugunsten der Beschuldigten entscheidet", wenn es um den Schutz der Opfer gehe. "Das darf nicht sein."

Geringe Verurteilungsraten
Die Verurteilungsraten seien außerdem sehr gering, so Logar. Beispielsweise würden nicht einmal zehn Prozent der Stalking-Anzeigen zu einer Anklage führen. Viele Frauen würden dadurch den Glauben an den Rechtsstaat verlieren. "Die Möglichkeiten der Strafjustiz werden leider nur ganz, ganz wenig genützt."

So würden lediglich 40 Männer am Anti-Gewalt-Training der Interventionsstelle teilnehmen. "Aufseiten der Täter passiert einfach zu wenig", ist Logar überzeugt.

Auch Drohungen können angezeigt werden
Ein weiteres Problem sei, dass viele Frauen gar nicht wüssten, was sie zur Anzeige bringen können. "Viele glauben, sie können erst etwas unternehmen, wenn etwas passiert ist", so Logar.

Angezeigt werden können neben körperlicher Gewalt aber auch sexuelle Übergriffe, Nötigung, Erpressung, Drohungen und Stalking. Seit 2006 haben Opfer von Gewalt außerdem das Recht auf juristische und psychosoziale Prozessbegleitung, das heißt, dass beispielsweise der Rechtsanwalt nicht selbst bezahlt werden muss.

Professionelle Hilfe empfohlen
Da es aber immer noch ein Tabu sei, Familienmitglieder oder nahestehende Menschen anzuzeigen, rät Logar, sich professionelle Hilfe zu suchen. Beratung finden Frauen etwa rund um die Uhr und anonym über die kostenlose "Frauenhelpline gegen Männergewalt".

Hier erhalten Opfer von Gewalt Tipps, welche Hilfseinrichtungen es in der Nähe gibt und wie sie weiter vorgehen können. Beratungen sind übrigens auch auf Arabisch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch, Slowenisch, Rumänisch und Türkisch möglich.

Zwangsverheiratung nicht immer religionsbedingt
Der Verein Orient Express kümmert sich um Opfer von Zwangsverheiratungen. 61 Fälle waren es im Vorjahr. Diese Form von Gewalt sei aber nicht, wie oft verbreitet, religionsbedingt, sagte Beraterin Gül Ayse Basari. Ein Problem sei vor allem die fehlende Präventionsarbeit mit Vätern. Auch gebe es keine spezielle Unterbringungsmöglichkeit und damit unzureichende Schutzmaßnahmen für die Opfer.

Die Frauen beziehungsweise ihre Familien stammten ursprünglich etwa aus der Türkei, Afghanistan, Pakistan, Indien, Albanien und Griechenland, so die Beraterin. In letzter Zeit gebe es auch vermehrt Opfer aus Tschetschenien.

Auf keinen Fall sei Zwangsverheiratung religions- oder gar islambedingt, ist Basari überzeugt. "Das ist etwa auch ein Problem in katholischen Roma-Familien", sagte die Beraterin. Die Opfer würden beispielsweise auch aus buddhistischen Familien stammen.

Bewusstsein gestiegen
In den vergangen Jahren ist die Zahl der Klientinnen gestiegen. Das liegt laut Basari aber vor allem am verstärkten Bewusstsein: "Am Anfang war es für uns schwer. Die Problematik war nicht bekannt und wurde von den Behörden nicht akzeptiert."

Mittlerweile sei man sehr erfolgreich in der Präventionsarbeit mit Müttern und Töchtern, etwa bei Workshops in Schulen. Zu wenig geschieht für Basari allerdings im Bereich der Präventionsarbeit mit Vätern. Es gebe keinen Verein und keine Institution, um die Väter aufzuklären.

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