"Der Nächste, bitte!"

"Das Schlimmste waren die Kunden."
"Man spricht mit Hunderten von Menschen, lernt nette Kollegen kennen und hört den ganzen Tag Musik. Man sitzt im Warmen. Ein Traumjob also." Zu diesem ironischen Schluss kommt Anna Sam in ihrem Buch "Die Leiden einer jungen Kassiererin".

©Bild: David Balicki
©Bild: David Balicki
Die 29-jährige Französin hat ihren Arbeitsalltag an einer Supermarktkassa in Buchform festgehalten und damit einen Bestseller gelandet. Über 100.000 Exemplare wurden in Frankreich bereits verkauft, Übersetzungen erscheinen gerade in Italien, Israel, Taiwan, Brasilien und auch im deutschsprachigen Raum.

Bespitzelung der Mitarbeiter, unbezahlte Überstunden und niedrige Löhne sind aber nicht Thema des Buches. "Natürlich hätte ich über all das schreiben können", meinte Sam gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ"). "Aber glauben Sie mir, es gibt viel Schlimmeres - die Kunden."

"Möchten Sie mit mir ins Bett?"
Und so kann die ehemalige Supermarkt-Kassiererin, die ein abgeschlossenes Literaturstudium in der Tasche hat, einige Begebenheiten aus den acht Jahren an der Kassa wiedergeben.

Als Anna einen Kunden fragt, ob er eine Kundenkarte hat, meint dieser lapidar: "Möchten Sie mit mir ins Bett gehen?" Und als ein anderes Mal die Kassa bereits geschlossen ist, fährt sie ein Kunde an: "Ach, komm schon! Ihr Kassiererinnen seid doch sowieso alle Schlampen."

"Im Supermarkt erlebt man die Leute, wie sie wirklich sind", sagt die 29-Jährige. Und ihr Verlag geht sogar so weit zu behaupten, dass "die Welt der Supermärkte im Kleinen widerspiegelt, was in unserer Gesellschaft insgesamt im Argen liegt".

Notizen auf Post-its
Kaum ein anderer Beruf degradiere die ausführende Person so sehr zum anonymen Objekt, "zu dem, was man heute so schön 'Servicemitarbeiterin Kassa' nennt", schreibt Sam.

15 bis 20 Artikel pro Minute hatte sie über die Scannerkassa zu ziehen, musste im Schnitt 250-mal pro Tag "Bonjour" und "Au revoir" und 500-mal "Merci" sagen.

Ihr Arbeitsplatz gab die Bühne, Kolleginnen und Kunden die Darsteller. Damit ihr weder Tragödie noch Komödie entgingen, begann sie im April 2007, sich Post-its neben die Kassa zu kleben, um sich Notizen zu machen - stets unbemerkt von ihren Vorgesetzten.

Fortsetzung folgt
Unter dem Pseudonym "Miss Pastouche" machte sie ihre täglichen Beobachtungen zunächst im Internet öffentlich. Rund 600.000 User verfolgten die Kolumnen regelmäßig, was das Interesse von Magazinen auf den Plan rief.

In einer TV-Talkshow wurde schließlich das Geheimnis um Frankreichs beliebteste Kassiererin gelüftet, und im Jänner 2008 hängte sie ihren Job im Supermarkt an den Nagel. Im Sommer kam ihr Buch in Frankreich auf den Markt und eroberte in der Folge die Bestseller-Listen.

Satire statt Skandal
Sam beobachtet und beschreibt. Sie kommt auf 169 Seiten ohne politische Polemik und größere Skandalisierung aus, lieber bedient sie sich des Witzes und der Satire.

Momentan arbeitet die Ex-Kassierin bereits am Nachfolgewerk. Auch darin soll es wieder um einen Supermarkt gehen. Aber nicht um dessen Kassen, wie Autorin und Verlag betonen.

Gewidmet hat Sam ihr Erstlingswerk all jenen, "die sich eines Tages hinter einer Kassa wiederfinden".

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