"Prioritäten, nicht Prinzipien"

"Musen säuseln einem nicht ins Ohr" - Carlos Ruiz Zafon überlässt in seinem Roman nichts dem Zufall.
Im Winter 2003 hat der deutsche Insel Verlag den Roman eines bis dahin in unseren Breitengraden unbekannten Autors herausgebracht. "Der Schatten des Windes" hieß der stattlich dicke Roman, Carlos Ruiz Zafon sein Autor.

Mit seinem Gattungsmix aus Schauer-, Kriminal- und Bildungsroman und angereichert mit den Konflikten spanischer Geschichte traf Ruiz Zafon den Geschmack von Millionen Lesern. Alleine in Deutschland ging der "Schatten des Windes" zwei Millionen Mal über den Ladentisch. Weltweit wurden elf Millionen Stück des Romans verkauft.

In seinem neuesten Buch, "Das Spiel des Engels", überließ Ruiz Zafon nichts dem Zufall. Wieder ist der Plot in Barcelona angesiedelt, wieder geht es von den feucht-dunklen Gassen des Barrio Gotico bis hinauf in die Villengegend Petralbes. Und damit der Leser den Geschmack der Vergangenheit nicht ganz verliert, tauchen auch Figuren des Vorgängerromans auf - auch wenn der Plot diesmal in den 1920er Jahren angesiedelt ist, also gut 20 Jahre vor den Ereignissen im "Schatten des Windes".

Schon wieder auf Erfolgskurs
In Spanien wurden von "Das Spiel des Engels" rund um den Aufstieg David Martins vom Zeitungslaufburschen zum Romanautor in schauriger Gesellschaft eine Million Stück verkauft. In Deutschland ist es seit dieser Woche Platz eins auf der "Spiegel"-Belletristik-Bestsellerliste.

In Österreich rangierte das Buch als Neueinsteiger zuletzt auf Platz neun. Aber auch hier ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Roman auf den ersten Platz klettert.

Drei Mio. Euro für Lizenz
Um die Lizenz für den neuen Ruiz Zafon gab es im deutschsprachigen Raum ein heftiges Wettbieten. Durchgesetzt hat sich letztlich der S. Fischer Verlag, der drei Millionen Euro für die Lizenz (inklusive der Übersetzungen zweier frührer Kinderbücher) hingelegt haben soll.

Den Suhrkamp Verlag wird dieser Schachzug alles andere als erfreut haben, noch dazu, wo Fischer alles getan hatte, um die Ausgabe optisch an den Erfolg des Vorgängers aus dem zu Suhrkamp gehörenden Insel Verlag anzunähern.

Wie man einen erfolgreichen Roman verfasst
Und allen unterlegenen Verlagshäusern hält Ruiz Zafon gleich den Spiegel vors Gesicht, geht es doch in dem Buch permanent um Rezepte, wie man einen erfolgreichen Roman verfasst.

Der Protagonist in Ruiz Zafons neuestem Werk, David Martin, macht mit den "Geheimnissen von Barcelona" Furore. Von einer zweitklassigen Zeitung erfolgt der Aufstieg zum vielgelesenen Autor von Groschenromanen - und irgendwann tritt auch ein mysteriöser Verleger in den Raum, der unter dem Namen Andrea Corelli so etwas wie das süße Gift des Teufels mit auf die Erde bringt.

Im Steinbruch der Tradition
Ruiz Zafon plündert ganz ungeniert die Literaturgeschichte. In den "Geheimnissen von Barcelona" klingen Eugene Sues "Mysteres de Paris" durch - und Figuren wie Andrea Corelli sind aus Bildungsromanen seit "Wilhelm Meister" hinlänglich bekannt.

Doch wie heißt es im Roman pragmatisch: "Wer in diesem Metier überleben will, braucht Prioritäten und nicht Prinzipien."

"Intelligenz ist Munition"
Vom romantischen Künstlerbegriff hält der seit langem im Los Angeles lebende Ruiz Zafon nichts. Einen Künstler mache "die Arbeit, das Handwerk, die Technik" aus, liest man im Roman. "Intelligenz ist wiederum die Munition", bemüht der Ich-Erzähler martialische Vergleiche. Doch damit ist aber zugleich auch alles über Ruiz Zafon gesagt: Für ihn muss ein Buch funktionieren. Und das heißt, es soll die Leser erreichen - und weniger die Rezensenten.

Das heißt nicht, dass Ruiz Zafon auf das Thema Bildung vergisst, aber an so große Werke wie Eduardo Mendozas Barcelona-Roman "Die Stadt der Wunder" kann (und offenbar: will) Ruiz Zafon nicht heran.

Ein Vergleich mit Duke Ellington
"Ich betrachte Literatur ohne Vorurteile, sagen wir ruhig: ohne Rassismus. Also ohne Einteilung in 'ernste' und 'unterhaltende' Literatur", verriet er jüngst in einem Gespräch mit Paul Ingendaay in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Für Duke Ellington gab es nur zwei Arten von Musik, gute und schlechte. Der Rest sind Dummheiten und Vorurteile." Und, so Ruiz Zafon jüngst in einem Gespräch mit der dpa: "Die Musen säuseln einem nicht ins Ohr."

Das Romanschreiben vergleich Ruiz Zafon schon mal mit der Arbeit an einem erfolgreichen Drehbuch - da vertraut man auf bewährte Zutaten. Und wenn man schon so magische Orte in der Trickkiste hat wie den "Friedhof der vergessenen Bücher", dann setzt man diesen auch im neuen Roman wieder ein.

Verteidigung des Wortes
Ruiz Zafon ist ein Gaukler der besonderen Art: Er lässt die Leser seine Kunstkniffe durchschauen und gibt ihnen dennoch zugleich das Gefühl, einem großen Bildungsereignis beizuwohnen. Immerhin geht es die ganze Zeit um Bücher, die Verteidigung des Wortes - und ein Verlegertum mit einem Hauch Geheimbund.

Wer - wie im Roman - einen Verlag namens "Les Editions de la Lumiere" sein Eigen nennt, der kann den größten Kitsch zum Arkanwissen nobilitieren.

Gerald Heidegger, ORF.at

Buchhinweis
Carlos Ruiz Zafon: Das Spiel des Engels. Aus dem Spanischen von Peter Schwar, S. Fischer, 720 Seiten, 25,70 Euro.

Links: