Heute immer noch häufig mit dem Propagandaausdruck "Reichskristallnacht" bezeichnet, bedeuten die Pogrome für viele Historiker den Beginn des Holocaust, der gezielten Auslöschung der jüdischen Bevölkerung. In Österreich wurden 30 Juden getötet, 7.800 verhaftet und aus Wien rund 4.000 sofort ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Im gesamten "Deutschen Reich" wurden Tausende Synagogen und Geschäfte niedergebrannt, 91 Personen getötet und 20.000 verhaftet.
"Ein entscheidender Einschnitt"
Erniedrigung, Demütigung und Entrechtung der Juden hatten im nationalsozialistischen Deutschland zu diesem Zeitpunkt bereits eine fünfjährige Geschichte, seitdem Adolf Hitler im Jänner 1933 an die Macht gelangt war.
"Jetzt aber war ein entscheidender Einschnitt erreicht", konstatiert der Historiker Wolfgang Benz. "Von jetzt an war brachiale Gewalt an der Tagesordnung, um die Juden loszuwerden." Den Juden sei auf brutalste Weise gezeigt worden, dass für sie Recht und Gesetz nicht mehr galten, fügt der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin hinzu.
Hinter den barbarischen Aktionen, die man als "spontanen Ausbruch des Volkszornes" darstellte, stand staatliches Kalkül: Als Vorwand diente das Attentat des 17 Jahre alten Juden Herschel Grynszpan auf den deutschen Legationssekretär in Paris, Ernst vom Rath. Grynszpan wollte mit seiner Tat auf die Situation seiner Familie in Deutschland aufmerksam machen.
Die Grynszpans, 1911 von Russisch-Polen nach Hannover gekommen, gehörten zu 17.000 polnischen Juden, die im Herbst 1938 wieder nach Polen abgeschoben werden sollten, dort aber nicht aufgenommen wurden und sich im Niemandsland unter erbärmlichen Umständen an der Grenze niederlassen mussten. Herschel Grynszpan, selbst von Hannover nach Paris zu Verwandten gezogen, erfuhr davon durch eine Postkarte seiner Schwester.
Mit einer Pistole samt Munition suchte der junge Mann am 7. November die deutsche Botschaft in Paris auf. Statt des Botschafters empfing ihn der Legationssekretär. Fünfmal schoss Grynszpan auf den Diplomaten, der an den Folgen zwei Tage später starb.
Eine Verzweiflungstat und die Propaganda
Ohne es zu ahnen, hatte Grynspzan mit seiner Verzweiflungstat die Lunte ins Pulverfass geworfen, wie Benz betont. Denn den Tod des Botschaftsangehörigen nahm der nationalsozialistische Propagandaapparat zum Anlass, um daraus einen Anschlag des "internationalen Judentums" auf Nazi-Deutschland, zu dem seit März 1938 als "Ostmark" auch Österreich gehörte, zu inszenieren.
Mit einer Hetzrede vor der NSDAP-Führungsspitze gab Propagandaminister Joseph Goebbels den Startschuss für die ungehemmten Übergriffe. Mit Zustimmung Hitlers wurden die Terrorakte als "spontaner Ausbruch des Volkszorns" ausgegeben.
"Mutiges Einschreiten gab es nur selten"
Mitglieder von SA uns SS zogen durch die Städte, setzten jüdische Gotteshäuser in Brand. Und viele Bürger schauten nur zu, wie Historiker Benz sagt. "Natürlich gab es auch fassungslose Gesichter, aber mutiges Einschreiten nur selten." Die Feuerwehr sollte nur dann einschreiten, wenn Wohnungen von "Deutschen" betroffen waren, so die Anweisung.
Die Zahl der Menschen, die in der Schreckensnacht oder in den Tagen und Wochen danach ihr Leben ließen, ist laut Benz nicht mehr zu ermitteln. Rund 1.400 jüdische Synagogen und Gebetshäuser seien zerstört worden, dazu Tausende Wohnungen und Geschäfte.
Goebbels: "Jetzt rast der Volkszorn"
Beinahe triumphierend hielt Goebbels in seinem Tagebuch dazu fest: "Aus dem ganzen Reich laufen nun die Meldungen ein: 50, dann 75 Synagogen brennen (...) Jetzt rast der Volkszorn (...) Laufen lassen (...)." Fortan galt: Deutschland sollte "judenfrei" werden, erklärt Benz. In der Folge wurden Verordnungen, Erlasse und Verbote in Kraft gesetzt, mit denen die Juden immer mehr aus dem wirtschaftlichen und schließlich aus dem öffentlichen Leben verschwanden.
Die Saat für den Holocaust
Mit der öffentlichen Erniedrigung sollten die Juden zum Auswandern gebracht werden. "Denn die physische Vernichtung stand im Jahr 1938 noch nicht auf dem Programm", so Benz.
Das Kalkül hatte Folgen: In der Zeit nach den Pogromen emigrierten laut Benz so viele Juden wie in all den Jahren seit 1933 nicht. Doch auch wenn die "Endlösung" zu dieser Zeit noch nicht Staatsprogramm war, steht für Benz fest: "Der Weg in Richtung Holocaust war eingeschlagen."
Gedenken an die Opfer
Der Kampf gegen Antisemitismus und das fortdauernde Gedenken an die Opfer des Holocaust stehen im Mittelpunkt eines internationalen runden Tisches am Montag in der Wiener Hofburg. Organisiert wird die Veranstaltung anlässlich des 70. Jahrestages der Novemberpogrome von der International Holocaust Task Force (ITF) und dem OSZE-Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte (ODIHR).
Am runden Tisch werden neben Terry Davis unter anderen der Staatssekretär im Außenministerium, Hans Winkler (ÖVP), und ODIHR-Direktor Janez Lenarcic teilnehmen. Ebenfalls kommen werden der dänische Direktor der EU-Agentur für Grundrechte, Morten Kjaerum, der UNO-Sonderberater zur Verhütung von Völkermord, Francis Deng, sowie Marcello Scarone Azzi von der UNESCO.
Die International Holocaust Task Force (ITF) versteht sich als Dachorganisation für Nichtregierungsorganisationen (NGO), die sich gegen Antisemitismus engagieren. Die 25 Mitgliedsstaaten auf der ganzen Welt unterstützen Projekte mit finanziellen Mitteln und organisieren Konferenzen. Primär werden Projekte in Osteuropa gefördert, da die dort ansässigen NGOs über weniger Eigenmittel verfügen als beispielsweise jene in den USA und Israel.
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