Mit einem Börsenwert von 296 Milliarden Euro setzte sich VW damit vor den Ölkonzern Exxon an die Spitze der teuersten Unternehmen der Welt. Wie schon am Montag, als die VW-Aktie ihren Kurs fast verzweieinhalbfacht hatte, verzerrte sie den DAX.
Das VW-Papier machte zeitweise ein Drittel des gesamten DAX-Wertes aus. Der deutsche Leitindex schoss am Dienstag um neun Prozent nach oben, obwohl fast die Hälfte der 30 DAX-Werte verloren.
Händler empört
"Das ist eine Sauerei, Volkswagen verzerrt den ganzen DAX, das gibt es doch nicht", schimpfte eine Händlerin. Viele verlangten von der Deutschen Börse, dem Spuk Einhalt zu gebieten.
"Solche Exzesse sind eines DAX-30-Index, der zu den fünf- bis zehn bedeutendsten Aktienindizes der Welt gehört, unwürdig", sagte Robert Halver, Kapitalmarktexperte der Baader Bank. "Für geneigte Kreise, die bewusst oder fälschlicherweise die Börse mit einem Spielcasino vergleichen", sei die Entwicklung "Wasser auf ihre populistischen Mühlen."
Eingreifen gefordert
"Den VW-Kurs beobachte ich nur noch mit fasziniertem Entsetzen", stöhnte ein Fondsmanager. "Es muss etwas passieren", sagte ein Händler. "Das hat nichts mehr mit Börse zu tun." Andere Titel würden von den Kurskapriolen bei VW in Mitleidenschaft gezogen. Denn um bei VW mitzumischen, verkauften Anleger andere Aktien, berichteten Händler.
Vorstand Lars Kolbe von der Investmentfirma Star Capital appellierte an die Börse: "Was hier am deutschen Aktienmarkt gerade passiert, sehen Sie sonst an der Börse in Simbabwe. Hier sollten die Herrschaften vielleicht noch einmal gründlich nachdenken."
Späte Reaktion der Börse
Von der Deutschen Börse hieß es zunächst, es gebe derzeit keine Überlegungen, die VW-Aktie aus dem DAX zu nehmen. "Solange fünf Prozent der Aktien im Streubesitz sind, gibt es dazu keine Veranlassung", sagte ein Sprecher.
Am späten Dienstagabend wurde dann doch eingelenkt: Der Anteil von VW am DAX wird reduziert. Zum Handelsstart am kommenden Montag werde der Anteil der Volkswagen-Stammaktie am Index auf maximal zehn Prozent zurückgesetzt, teilte die Deutsche Börse mit.
Die Börsen- und Finanzaufsicht BaFin sucht unterdessen Anhaltspunkte für Insiderhandel und Marktmanipulationen. Die Analyse werde aber einige Zeit dauern, sagte eine Sprecherin.
Kritik auch an Porsche
Ausgelöst worden war die steile Bergfahrt durch eine Mitteilung von VW-Großaktionär Porsche, dass er sich bereits 74 Prozent an Volkswagen über Aktien und Optionen gesichert habe.
Damit kam auch Porsche ins Visier der Kritik: Der Chef der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS, Klaus Kaldemorgen, warf Porsche in einem Interview mit der "Financial Times Deutschland" vor, "in unverantwortlicher Art und Weise" den VW-Kurs zu manipulieren.
Porsche fühlt sich nicht verantwortlich
Porsche fühlt sich jedoch für die jüngsten Kurssprünge bei den Stammaktien von VW nicht verantwortlich. "Wir weisen den Vorwurf der Kursmanipulation entschieden zurück", sagte ein Porsche-Sprecher.
Es werde bei den Kursausschlägen der VW-Stämme Ursache und Wirkung verwechselt. "Verursacher sind diejenigen, die mit riesigen Summen auf fallende VW-Kurse gesetzt haben", sagte der Sprecher. Man selbst habe keine Aktien an Leerverkäufer verliehen.
Wenige Marktteilnehmer bestimmen Preis
Der Höhenflug der VW-Aktie stellte selbst viele Börsianer vor Rätsel. Die Entwicklung lässt sich nur durch zwei besondere Umstände erklären. Zunächst befindet sich nur noch ein Bruchteil der VW-Stammaktien im freien Umlauf. So gehören 42,6 Prozent der Anteile Porsche, für weitere 31,5 Prozent der Aktien hat der Stuttgarter Sportwagenhersteller Kaufoptionen.
Gut 20 Prozent liegen beim Land Niedersachsen. Übrig für den Handel bleiben damit theoretisch nur noch weniger als sechs Prozent - und damit bestimmen nur noch wenige Marktteilnehmer den Preis.
Auf fallende Preise spekuliert
Bei VW hatten zudem zahlreiche Anleger auf fallende Preise gewettet - schließlich galt die Aktie vielen ohnehin schon als zu teuer. Manche liehen sich dazu Aktien von freien Anteilseignern oder aus den Beständen derjenigen, die Porsche die Lieferung der VW-Aktien zu einem späteren Zeitpunkt versprochen hatten.
Dabei verkauften sie die Aktien und hofften auf fallende Preise, um die Papiere billiger wieder einzusammeln. Geht die Wette aber nicht auf, müssen sie die Papiere zurückkaufen - teils für jeden Preis - und treiben damit die Kurse in schwindelnde Höhen.
Porsche-Mitteilung als Auslöser
Und genau das passierte, als Porsche am Wochenende bekanntgab, dass der Anteil an Volkswagen auf 42,6 Prozent erhöht wurde und das Unternehmen zudem 31,5 Prozent an VW in Form von Optionen kontrolliert. Der Stuttgarter Sportwagenkonzern wollte damit eigentlich die Spekulationsblase platzen lassen, die sich um die Aktie gebildet hatte.
Das Resultat war aber das Gegenteil. Schätzungen zufolge machten Spekulanten - vor allem Hedgefonds - damit statt der erhofften Gewinne Verluste von zehn bis 15 Milliarden Euro, berichtete die "Financial Times".
Weitere Investoren mussten aufspringen
Am Dienstag wurde die Lage noch schlimmer. Die Kursentwicklung zwang Händlern zufolge zahlreiche weitere Investoren, VW-Aktien zu kaufen - zum Beispiel Fonds, die ihre Performance am DAX messen. Andere DAX-Aktien seien deshalb zum Teil ohne Rücksicht auf Verluste verkauft worden, nur um Aktien von Volkswagen finanzieren zu können, hieß es.
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